Lasst Menschen wieder selbst denken!

Management-Innovation: Menschen Freiraum gewähren

So etwas lieben wir: Ein Dorf in Niedersachsen schafft die Verkehrsschilder ab! In Bohmte gibt es keine Vorfahrtsschilder, keine Ampeln, keinen Zebrastreifen. Genau genommen gibt es nicht einmal eine richtige Straße.

Das Konzept heißt Shared Space – das bedeutet gemeinsam genutzter Raum. Das System ist so selbstregulierend wie der Menschenstrom auf einer Schlittschuhbahn: Die Schnellen achten auf die Langsamen, man lässt sich Raum, gibt auch mal nach. Es erfordert Rücksichtnahme und Verantwortung. Von allen, für alle. Und der Effekt? Der Verkehr fließt flüssiger und Unfälle tendieren gegen null. Nachweislich!

Erfinder des Shared-Space-Konzepts ist der niederländische Verkehrsplaner Hans Monderman. Er war überzeugt: “Wenn man die Leute wie Idioten behandelt, werden sie sich auch so benehmen.”

Hinter diese Aussage setzen wir ein dickes Ausrufezeichen! Zu viele Regeln und Regulierungsmaßnahmen bringen Menschen überhaupt erst dazu, sich dumm zu verhalten. Weil sie durch all die Vorschriften verlernen, selbst zu denken.

Gleiches gilt übrigens auch für Unternehmen!

Wenn dort die Regeln auf ein notwendiges Minimum reduziert werden (Tschüss Anweisungshandbuch!), muss jeder Mitarbeiter wieder mehr mitdenken: Entscheidungen abgestimmt treffen. Sich mit den Kollegen absprechen. Auf dem Laufenden bleiben. WACH SEIN.

ABER: Ganz ohne Regeln geht es weder auf den Straßen noch in einer Organisation. Die Buchhaltung eines Unternehmens zum Beispiel wäre ohne Standards nicht zu führen. Projekte brauchen Strukturen. Marken brauchen Stringenz. Aber REDUZIERTE Vorschriften genügen beinahe immer und überall.

Aus Regelbefolgern werden dann Kollegen, die sich ihrer Verantwortung für das Unternehmen bewusst sind. Die vielleicht auch anfangs ein paar Fehler machen, weil sie unsicher sind. Weil sie sich an den neuen Handlungsspielraum erst gewöhnen müssen – „Darf ich das überhaupt?“ – „Wer sagt mir jetzt, wie das geht?“ – „Soll ich einfach mal?“ Aber langfristig beginnen alle, sehr viel eigenständiger und eigenverantwortlicher zusammenzuarbeiten.

All denjenigen Chefs, die jetzt innerlich eine Vollbremsung hinlegen, sei gesagt: Shared Space funktioniert! Die meisten Menschen (nicht alle!) können sehr wohl für sich herausfinden, was in einer bestimmten Situation das beste Verhalten ist. Und sie werden Mittel und Wege finden, wie sie ihr Handeln auf das ihres Umfelds abstimmen können.

Schaffen Sie nicht vor lauter Euphorie gleich blind alle Regeln ab – einige übergeordnete Regeln braucht es immer. Aber noch heute eine überflüssige Regel zu finden und direkt abzuschaffen, das ist definitiv drin! Und danach spießen Sie die nächste auf. Und die nächste.

  • Der Lohn: Kreativere, umsichtigere und effektivere Mitarbeiter und bessere Ergebnisse.
  • Der Preis: Machtverlust.
  • Die Herausforderung: Für Akzeptanz werben, die Übergangszeit aushalten.

Man muss kein radikaler Denker sein wie Hans Monderman, um die Welt ein klein wenig zu verbessern. Aber schon ein bisschen mutig.

Beitrag Spiegel Online: Verkehr ohne Regelwut – Ein Dorf schafft den Schilderwald ab

Ähnliche Beiträge:

Tweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Email this to someone