Schereschewski & Price – Das Vergessen nicht vergessen

Vergessen lernen, loslassen, Balast abwerfen

Wenn wir die Fähigkeit hätten, auf alle abgelegten Erinnerungen in unserem Kopf zuzugreifen … wäre das nicht traumhaft? Dann bräuchten wir keine Einkaufsliste, keinen Spickzettel mehr. Wir würden nie wieder Namen, Geburtstage, Geheimzahlen und Passwörter vergessen. Wir würden Vokabeln spielend lernen und in wenigen Jahren zehn Sprachen sprechen.

Solomon Schereschewski hatte diese Gabe. Der russische Journalist machte sich bei Interviews niemals Notizen, merkte sich aber trotzdem alle Einzelheiten. Das war nicht nur praktisch, es machte ihn in den 1930er Jahren auch berühmt. Schereschwski trat in Varietés auf und verblüffte die Zuschauer mit den endlosen Zahlenketten, die er lesen und wiedergeben konnte. Selbst Josef Stalin war von ihm begeistert und ließ seine Merkfähigkeit von den besten Wissenschaftlern untersuchen. Bloß: Das erwartete System, eine Methode, die aus jedem Sowjetmenschen einen lebendigen Wissensspeicher machen sollte, kam dabei nicht heraus. Und glücklich war Schereschwski mit seinem Leben auch nicht. Denn mit allen Eindrücken, die ihn trafen, verbanden sich Bilder. Und diese liefen ständig vor seinem inneren Auge ab. Er hatte ein fotografisches Gedächtnis, das ihn nie im Stich ließ – so sehr er sich das auch wünschte. Schereschewski kam nie zur Ruhe. Er starb depressiv und elend. Sein Name? Ist heute niemandem mehr ein Begriff.

Auch die US-Amerikanerin Jill Price kann sich an alles erinnern, als wäre es gestern gewesen. Sie weiß zum Beispiel ganz genau, wer in der siebten Klasse neben ihr saß, wie der Hausmeister bei ihrer zweiten Arbeitsstelle hieß, was sie heute vor 20 Jahren um 22 Uhr 22 gemacht hat, oder dass Bing Crosby auf einem Golfplatz starb, und zwar in Spanien am Freitag, den 14. Oktober 1977. Zahlen, Daten und Fakten kann sie mühelos aufsagen. Doch auch sie quält ihre besondere Fähigkeit, weil es vor ihrem inneren Auge niemals schwarz wird. Und: Sie kann all das, was sie verletzt oder beleidigt, niemals vergessen – auch das behält sie für immer im Gedächtnis. Und das alles steht ihr in ihrem gegenwärtigen Leben im Weg.

Die totale Erinnerung ist also doch kein Wunschtraum.

Im Gegenteil: Dinge selektiv zu vergessen, ist sogar lebensnotwendig. Unnötiges, Unbrauchbares muss von unserer gedanklichen Festplatte verschwinden, damit es neuen Inhalten und Ideen nicht im Weg steht. Aber welcher Gedächtnistrainer lehrt uns das Vergessen?

Wenn wir gefragt werden, womit Menschen bei der Arbeit ihre Zeit verbringen sollten, dann lautet unsere Antwort:

Erstens: das Tagesgeschäft managen.
Zweitens: die Zukunft gestalten.
Und drittens: die Vergangenheit selektiv vergessen.

An dem Punkt lachen immer einige Zuhörer. Dabei meinen wir es absolut ernst.

Dieser dritte Punkt wird häufig vergessen. Wir sehen es immer wieder: Die größte Schwierigkeit besteht nicht darin, Leute dazu zu bewegen, neue Ideen anzunehmen, sondern alte zu vergessen.

Und dann stehen die alten Ideen den neuen im Weg: „Aber es funktioniert doch noch! Warum sollen wir etwas ändern? Warum sollen wir die Erfolgsrezepte, die gestern noch gefruchtet haben, heute in Frage stellen?“ – Innovativ zu sein heißt veränderungsbereit zu sein, heißt auf dem Höhepunkt des Erfolgs des Alten schon das Neue zu wagen.

Wir können unsere Zukunft nicht gestalten, wenn wir nicht bereit sind, loszulassen und den Rucksack mit dem alten Ballast abzuwerfen.

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