Roland Kopp-Wichmann

Roland Kopp-Wichmann im Interview

Seit über 30 Jahren arbeitet Roland Kopp-Wichmann mit Menschen. Den Psychotherapeuten, Trainer und Coach haben wir in Heidelberg getroffen, wo er lebt und arbeitet. Ein spannendes Gespräch über psychotherapeutische Arbeit im Zeitalter des Web 2.0, über Veränderung und moderne Arbeitswelten…

Roland, Du bist sehr aktiv im Internet, kommunizierst intensiv über neue Medien wie Twitter, Facebook oder YouTube. Verändern diese Medien Deine Arbeit als Psychologe?

Roland Kopp-Wichmann: Die direkte Arbeit in meinen Seminaren oder Coachings nicht. Aber das ganze Drumherum hat sich natürlich dadurch total gewandelt. Vor allem wie meine Klienten oder Kunden und ich zueinander finden. Früher habe ich Zehntausende von Prospekten und Werbebriefen verschickt, dabei die Deutsche Post mitsaniert und tagelang hinter Leuten hertelefoniert. Der Erfolg war bescheiden aber es gab nichts anderes. Mein erster PC war ein Atari, dann kam BTX und heute ist mein ganzes Büro mein Laptop, den ich wie meinen Augapfel hüte. Ich mache nur noch reines Pull-Marketing. Ich habe keinen Prospekt, schicke keine Briefe, bin aber im Internet sehr aktiv. Interessenten finden mich über meine Websites, Blogs, Podcasts und Youtube-Videos. Das ist natürlich auch Arbeit. Aber viel kreativer und unterhaltsamer für mich als der frühere Weg.

Im Internet gelten Prinzipien wie “Aufgaben werden gewählt, nicht verteilt” oder “Natürliche Hierarchie schlägt formale Hierarchie” oder “Gruppen bilden und organisieren sich selbst”. Wie erklärst Du Dir die Paradoxie, dass wir in unserer Freizeit (im Internet) solche Prinzipien leben, sie aber in der Arbeitswelt praktisch noch keinen Niederschlag gefunden haben?

Roland Kopp-Wichmann: Ich denke, weil es im Job meist noch starre Hierarchien gibt. Und je nachdem welche Einstellungen und Werte man „oben“ hat, so sieht dann auch die jeweilige Organisation aus. Es gibt ja eine ganze Anzahl von erfolgreichen Unternehmen, die die von Euch genannten Prinzipien praktizieren. Wo nicht Präsentismus herrscht, sondern jeder bestimmen kann, wie viel und wo er arbeitet. Es gibt Unternehmen, wo nicht starre Ziele von oben diktiert werden, sondern die Filialen oder Abteilungen ihre Ziele und die Wege dorthin selbst bestimmen.

In der Freizeit sind unsere Arbeiten auch meist völlig selbstbestimmt. Niemand bezahlt uns dafür. Entweder wir sind dafür motiviert oder wir lassen es. Wir engagieren uns in einem Verein, weil wir es wollen. Wir arbeiten uns in Facebook oder Twitter ein, weil wir uns Nutzen und Spaß davon versprechen. Und wir vernetzen uns mit den Leuten oder Gruppen, die wir eben interessant finden. Nicht weil jemand sagt, dass wir das tun müssten – für einen abstrakten Zweck, der oft keinen direkten Sinn für uns macht.

Mehr Freiheit für Mitarbeiter hört sich ja immer toll an. Erfordert aber von Mitarbeitern lauter „Selbst“-Fähigkeiten: Selbstdisziplin, Selbstkontrolle, Selbsteinschätzung und Selbstverantwortung. Ist das lernbar? Oder sind diese Fähigkeiten ganz einfach Teil unserer Persönlichkeit?

Roland Kopp-Wichmann: Da gilt Radio Eriwan: prinzipiell sind diese Fähigkeiten lernbar aber nur wenn auch eine innere Bereitschaft vom Einzelnen dazu da ist. Diese Bereitschaft entsteht, wenn jemand neugierig ist und sich einen Nutzen von diesen Fähigkeiten verspricht – und diesen auch erlebt. Für den einen ist Selbstdisziplin dann eine nützliche Fähigkeit, um ein Ziel zu erreichen. Der andere erlebt es als Einschränkung seiner Freiheit und lehnt sich dagegen auf.

Welche Fähigkeiten brauchen Mitarbeiter denn noch in der neuen Arbeitswelt?

Roland Kopp-Wichmann: Wichtig halte ich noch die „Selbstkenntnis“. Die meisten Menschen kennen sich nicht wirklich, haben keine Ahnung von ihren inneren Konflikten und durch welche Ängste sie im Leben angetrieben werden. Sie spüren zwar die Auswirkungen davon und manchmal spüren diese auch die Menschen in der Umgebung. Aber der Betreffende hat meist keine Ahnung davon. Wenn man aber seine Probleme lösen will, muss man erst herausfinden, wie man sie erzeugt.

Wie geht das konkret?

Roland Kopp-Wichmann: Ich mache aus dem Grund seit Jahren keine Methodentrainings mehr, sondern nur noch Persönlichkeitsseminare, in denen man erforschen kann, was eigentlich hinter dem Problem steckt. Denn wer unter zu viel Stress leidet oder mit seiner Zeit nicht auskommt, braucht kein Entspannungstraining oder noch ein Zeitmanagementseminar. Er muss vielmehr herausfinden, wie er sich den Stress macht beziehungsweise muss er sich mit dem Thema „Grenzen“ auseinandersetzen. Das ist unbequem aber sehr erhellend und nachhaltig.

Eine moderne Arbeitskultur, die Mitarbeitern Freiräume gewährt und selbstbestimmtes Arbeiten ermöglicht, trifft nicht bei allen Menschen auf Gegenliebe. Es gibt auch Mitarbeiter, die ein hohes Maß an Freiheit und Selbstbestimmung nicht wollen. Vielleicht innerlich nicht dazu bereit und in der Lage sind. Was würdest Du Führungskräfte raten, die ihren Mitarbeitern ein selbstbestimmtes Arbeitsumfeld gewähren wollen – aber damit bei Mitarbeitern auf wenig Gegenliebe stoßen?

Roland Kopp-Wichmann: Man kann Menschen nicht verändern. Man kann sie noch nicht mal überzeugen. Man kann sie allenfalls einladen, zum Beispiel zum selbstbestimmten Arbeiten. Kann ihnen Argumente dafür geben. Doch was der Mitarbeiter mit den Argumenten macht, entzieht sich dem Einfluss der Führungskraft. Der Mitarbeiter überzeugt sich entweder selbst – oder er tut es eben nicht.

Stößt man als Führungskraft auf Mitarbeiter, die über einen längeren Zeitraum nicht mitziehen, muss man seine Ziele ändern oder die Mitarbeiter austauschen.

Du lebst und arbeitest in Heidelberg. Hast Du neben Deinem Haus einen weiteren Lieblingsplatz in der Stadt oder der Umgebung?

Roland Kopp-Wichmann: Ich bin oft in der „Bar Centrale“ in Neuenheim. Die haben den besten Milchkaffee und vor allem kostenloses WLan. Ein Großteil meiner Bücher ist dort entstanden. Es ist für mich wie ein Wiener Kaffeehaus. Ich kenne fast alle Leute vom Sehen, die da Mittwochmorgen kommen. Und der Charme eines Cafe`s ist für mich: Man ist nicht zu Hause und doch nicht im Freien.

Hast Du ein Lebensmotto, das Dich und Deine Lebenseinstellung beschreibt?

Roland Kopp-Wichmann: Ja, eines, das ich manchmal auch den Menschen sage, wenn sie etwas anstreben und nicht wissen, wie das gehen soll: „Wer etwas will, findet Wege. Wer etwas nicht will, findet Gründe.“

Danke für das Gespräch, Roland.

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