Bringen Sie mir keine Probleme, sondern Lösungen

Probleme„Ich habe es meinen Leuten komplett abgewöhnt, mit Problemen zu mir zu kommen!“, sagte der Mann im Brustton der Überzeugung. Er war Unternehmer, eine sportliche, eindrucksvolle Erscheinung, dem die Führungsrolle wie auf den Leib geschneidert schien. Er sprach auf einem Führungskräfte-Kongress und erläuterte dem Publikum seine Erfolgs- und Führungsprinzipien. 

Peter hatte direkt vor ihm einen Vortrag gehalten, passenderweise zum Thema Freiraum und Selbstverantwortung im Job. Und das ist ja ein echtes Herzensthema von uns, das wissen Sie: Es zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Bücher, unsere Vorträge  und unseren Blog. Wir sind zutiefst davon überzeugt, dass es einerseits eine klassische Führungsaufgabe ist, dem Team Werte und Normen zu vermitteln bzw. vorzuleben, dass es aber ab einem gewissen Punkt die eigenverantwortliche Aufgabe der Mitarbeiter ist, in diesem Rahmen ihre Arbeit selbst zu organisieren.

Peter bekam ordentlich Beifall und nun erntete auch dieser Unternehmer wohlwollendes Nicken und Zustimmung im Publikum: Jawohl! Problemdenken will doch keiner! Lösungsdenken muss man fördern! Der Mann hat recht! Der lässt sich nicht von der Arbeit abhalten und erzieht seine Mitarbeiter zu eigenverantwortlichem Denken und Handeln. Das ist stark!

Aber Moment mal!

Das wirkt vielleicht stark, ja. Aber ist es das auch? Das zustimmende Nicken kommt uns ganz entschieden zu früh. Lassen Sie uns mal genauer hinschauen!

Wer keine Probleme hat, hat ein Problem!

Wir verstehen schon, dass dieser Unternehmer die notorischen Jammerlappen kaltstellen will, die sich ständig über alle großen und kleinen und allerkleinsten Probleme in ihrem Arbeitsumfeld beschweren. Ja, und es ist auch ersichtlich, dass er seinen Leuten vermitteln will, dass er ihnen zutraut, selber Lösungen zu finden. Er will selbstbewusste Mitarbeiter, und daran haben wir überhaupt nichts auszusetzen.

Aber! Da ist ein großes Aber: Seine dezidierte Haltung, dass er nichts von Problemen hören will, ist unserer Überzeugung nach selbst ein dickes Problem! Und zwar aus drei Gründen:

Erstens: Er schafft eine Kultur des Wegschauens!

Wer sagt: „Bringt mir keine Probleme, bringt Lösungen!“, sagt damit implizit: „Von all den Problemen, die euch begegnen, will ich nur von denen hören, für die Ihr auch eine Lösung parat habt.“ – Aber gerade die schwierigsten und herausfordernsten Probleme haben keine Sofort-Lösung und fallen so durch das Rost.

Zweitens: Er schafft eine Kultur, die frustriert!

Ein Problem zu erkennen, aber nicht sofort eine Lösung dafür parat zu haben, löst in Menschen Stress aus. Das ist aber erstmal ein positiver Stress, weil er die Ressourcen aktiviert, die zur Problemlösung gebraucht werden: Menschen tun sich zusammen, diskutieren, strengen sich gemeinsam an, es entsteht eine Motivation, eine Dringlichkeit, die notwendig ist, um das Problem zu lösen.

Aber jetzt machen Sie das mal, wenn Sie über das noch ungelöste Problem nicht reden dürfen! Gerade bei den wertvollsten, nämlich engagiertesten Mitarbeitern wird so aus Stress echter Frust: Sie sehen, was gebraucht würde, um eine Lösung zu finden, können diesen Pfad aber nicht offen verfolgen.

Drittens: Er schafft eine Kultur, die Chancen ungenutzt lässt!

Die Lösungen, die im Wettbewerb heute den Unterschied machen, sind selten geniale Geistesblitze Einzelner. Meistens sind es Lösungen, die in komplementären Teams mit dem Ideenreichtum und der Intelligenz der Vielen gefunden werden. Probleme zu identifizieren mag bisweilen ein Solo-Sport sein, aber Lösungen zu entwickeln ist heute mehr denn je Team-Sport – gerade wenn es sich um komplexe Probleme handelt.

Das bedeutet: Den größten Unterschied am Markt machen jene Unternehmen mit der höchsten kollektiven Problemlösungskompetenz.

Im Umkehrschluss: Jedes Problem ist eine neue Chance, sich vom Wettbewerb zu differenzieren. Wer aber in Problemen keine Chancen, sondern nur Plagegeister sieht, hat sehr bald ein anderes dickes Problem. Problemblindheit verträgt sich nunmal nicht mit Innovationskraft und Zukunftsfähigkeit.

Erst reden, dann lösen

Bei aller Lösungsorientierung: Wir sagen entschieden NEIN zur Verdammung von Problemen! Denn um gemeinsam Lösungen zu finden, braucht es ein Arbeitsumfeld, in dem es sich sicher und erwünscht anfühlt, ungelöste Probleme offen auf den Tisch zu legen.

Denn wenn Mitarbeiter auf Probleme hinweisen, für die es heute noch keine Lösung gibt, dann heißt das doch nicht automatisch, dass sie zu faul oder zu unselbständig sind, eine Lösung zu präsentieren. Sondern es bedeutet schlicht, dass es sich um eine Herausforderung handelt, die einfach eine Nummer zu groß ist für eine Instant-Lösung. Aber genau diese großen Probleme, die einzelne überfordern, sind die lohnendsten Chancen. Der amerikanische Industrielle Henry J. Kaiser sagte es so:

„Probleme sind Chancen in Arbeitskleidung.“

Sie können die Zukunft nicht gestalten, wenn Sie keine Probleme lösen. Aber Sie können eben auch keine Probleme lösen, die Sie nicht kennen, weil niemand sie offen ausgesprochen hat.

Darum: Vor der Kultur der Lösungsorientierung kommt die Kultur des freien, offenen Austauschs.


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