Nils Wülker

Interview mit Nils Wülker

Von der Presse wurde er als „neuer Stern am deutschen Jazzhimmel“ gefeiert. Und tatsächlich: Als Nils Wülker sein neues Album „6“ in der Alten Feuerwache in Mannheim vorstellte, ertönte ein melodiöser und grooviger Jazz in einer vibrierenden Mischung aus Kraft und Leichtigkeit. Wir waren vom Konzert begeistert. Und halten den Hamburger Musiker für einen absolut vielversprechenden Jazzmusiker, -Komponisten und Produzenten, der auf eine sehr angenehme Art und Weise völlig pragmatisch und unprätentiös ist.

Künstlerische Höchstleistungen und Üben hängen eng zusammen. Wie viel übst Du?

Nils Wülker: Das sind bestimmt zwei bis drei Stunden pro Tag. Früher, zu Studienzeiten, waren das sicherlich zwölf Stunden am Tag. Diese intensive Beschäftigung mit dem Instrument ist ganz einfach die Voraussetzung dafür, dass das Spielen gar keine bewusste Anstrengung mehr ist, sondern völlig natürlich und intuitiv erfolgt – etwa so, wie ich jetzt die Hand ausstrecke, um nach dieser Wasserflasche zu greifen. Das ist der ultimative Zustand. Anders ausgedrückt: Wenn ich noch damit beschäftigt wäre, aktiv nachzudenken wie das Instrument funktioniert, dann würde mir das bei der Entfaltung meiner Kreativität im Weg stehen.

Thomas Edison hat mal gesagt, dass jede neue Schöpfung 1 Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration ist. Gilt das auch für die Komposition einer neuen CD?

Nils Wülker: Ich denke, dass der Prozentsatz der Inspiration in der Kunst definitiv höher liegt als bei nur einem Prozent. Was das Komponieren betrifft: Ich hab Momente, da ist das Gefühl pure Inspiration. Bloss aus Inspiration alleine ist noch nie ein fertiges Stück geworden. Du musst es ausarbeiten, daran feilen.

Was auch noch wichtig ist, hat ein Lehrer von mir mal so ausgedrückt: ‚Du musst alles lernen und es dann wieder vergessen.‘ Damit ist gemeint, dass man in dem Moment der Ideenfindung auf den gesamten Wissenspool, den man sich angeeignet hat, zurückgreifen kann. Das ist Wissen und Können, das tief in Dir drin abgespeichert ist, das Du dann intuitiv abrufst. Aber das musst Du Dir erst einmal aneignen – das ist die Transpiration.

Was ist aus Deiner Sicht das Geheimnis der Kreativität –zumindest was das Komponieren angeht?

Nils Wülker: Was ich bei mir immer wieder feststelle: Um wirklich kreativ zu sein, ist es wichtig, ergebnisoffen an die Dinge heranzugehen. Was man ja auch beim Brainstorming macht. Auch da gilt es, die Ideen nicht sofort zu bewerten. Wenn ich beispielsweise Ideen für ein neues Album sammle, dann zwinge ich mich dazu, erstmal nur die Ideen zu sammeln und sie nicht sofort auszuarbeiten oder zu bewerten. Beim Komponieren kommt noch hinzu: Das Schwierige ist, man trifft dauernd Entscheidungen. Die Herausforderung dabei ist nicht, sich für einen Ton, sondern damit gegen alle anderen zu entscheiden. Deshalb glaube ich, dass es wichtig ist, dass man nicht mit jeder Entscheidung den Anspruch verbindet, das Ei des Kolumbus zu finden. Aus jeder Entscheidung entstehen wieder neue Möglichkeiten – und dann ist das Ergebnis wieder offen.

Trotz der Einsicht in die Notwendigkeit der Kreativität, herrscht in vielen Organisationen die Überzeugung, man könne Menschen nicht beibringen, kreativ zu sein. Siehst Du das auch so?

Nils Wülker: Nein, das glaube ich nicht. Natürlich haben Menschen unterschiedliches kreatives Talent. Aber man kann Kreativität ein Stück weit auch lernen. Ob es am Ende dann aber auch ohne dieses Talent für ganz oben reicht – da habe ich meine Zweifel.

War es für Dich in der Schule schon klar, dass Du später mal Berufsmusiker werden willst?

Nils Wülker: Nein, überhaupt nicht. Ich hab den Jazz erst mit 16 entdeckt. Vorher habe ich zwar Trompete und Klavier gespielt, aber das war einfach so ein Hobby unter mehreren. Die Musik habe ich für mich erst später entdeckt. Das finde ich auch gut so, denn so habe ich das Gefühl, dass ich eine selbstbestimmte Entscheidung getroffen habe.

Hast Du ein Motto, das Dich und Deine Lebenseinstellung beschreibt?

Nils Wülker: Traue nie einem Pianisten! [Schaut zu seinem Keyborder Lars Duppler und lacht]. Nein. Aber mal ernsthaft: Für mich ist es wichtig, dass die Musik, die ich mache, authentisch ist. Das finde ich noch wichtiger als Originalität.

Danke Nils. Und viel Erfolg noch auf Eurer Tournee.

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Website: Nils Wülker

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