Forscherzeit an der Grundschule

Forscherzeit an der Grundschule Forsmannstraße in Hamburg

Eine Frage, sechs Monate. In der Grundschule Forsmannstraße in Hamburg gibt es nicht nur regulären Frontalunterricht und Ferien. Die Schule geht auch über den vielerorts bereits praktizierten modernen Lehrstil mit Portfolio-Unterricht und Projektwochen hinaus. Jeder Schüler bekommt von der ersten bis zur vierten Klasse jede Woche zwei Schulstunden Zeit für: Entdeckungen!

Aber nicht die inszenierte Freiheit moderner Regelschulen, wo den Schülern bei aller Selbstinitiative noch immer das Lernziel vorgegeben wird. In dieser Schule stellen sich die Schüler die Forschungsfragen selbst – und gehen den Antworten dann ein halbes Jahr lang nach. Sie recherchieren, denken nach, erforschen, hinterfragen, skizzieren, arbeiten aus. Ein halbes Jahr für eine Frage!

Wie die Fragen, die die Schüler interessieren, ausfallen, ist ja klar: Pferde, Fußball, Computerspiele und so weiter … Ha! Weit gefehlt! Die Kids suchen sich hoch spannende Fragen aus, die nicht nur sie, sondern die ganze Menschheit interessieren und in denen die ganze Fülle der Welt steckt: Wie alt ist das Weltall? Wieso ist Glas durchsichtig, obwohl es aus Sand ist? Warum nerven Mütter?  Welcher war der erste Name? Gibt es Gott?

An solchen Fragen lässt es sich tatsächlich sechs Monate mit Freude herumforschen. Aber es gab noch eine zweite Überraschung für die Lehrer. Die Angst, dass die „schwächeren“ Schüler, also die mit den schlechteren Noten, mit dieser offenen Aufgabe nicht umgehen können und Zeit verschwenden, stellte sich als unbegründet heraus. Nicht die „schwachen“ Schüler hatten Probleme mit dem selbstständigen Arbeiten, sondern die Musterschüler! Die verstehen es zwar wunderbar, zu erraten, was der Lehrer hören will. Aber selber denken, eigene Fragen stellen und verfolgen, da kommen sie an ihre Grenzen. Interessant!

Probleme selber finden und selber lösen. Coole Fragen finden und auf eigene Weise beantworten. Methoden erlernen und einüben, um in der Welt zurecht zu kommen. Kreativität und Selbstinitiative ausbilden. Wir finden: Darum sollte es in den Schulen primär und eigentlich gehen. Und das einzige, was Schüler dafür brauchen: Raum.

Und die Lehrer werden vom Exerziermeister zum Coach, die den Schülern das Lernen, Forschen, Experimentieren und Entdecken beibringen, nicht die Inhalte eintrichtern. Denn die wirklich spannenden Dinge, das, was sie interessiert, das was sie für ihr spezielles Leben brauchen, das wofür sie brennen, finden die Schüler schon selbst!

„Wer war der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik?“ – Soll das eine interessante Frage sein? Die Antwort hat jeder Siebenjährige mit zwei Klicks aus Wikipedia. Interessant sind Fragen, zu denen Wikipedia keine Antworten gibt, zu denen man sich das Wissen, das Können, die Erkenntnis selbst erarbeiten muss. Fragen wie „Was soll ich als nächstes machen?“

John Taylor Gatto, der mehrmals in New York als “Teacher of the Year” ausgezeichnet wurde, sagt es so:

Die Schulen „halten Kindern in kargen Räumen gefangen, die den Sinnen keine Reize bieten. Sie teilen Kinder aufgrund willkürlicher Kriterien wie Alter oder Prüfungsnoten in unflexible Kategorien ein. Sie lehren Kinder, auf den Klang einer Glocke ihre augenblickliche Beschäftigung fallen zu lassen und sich von einem Raum in den anderen zu begeben. Sie verbieten Kindern, ihre eigenen Entdeckungen zu machen, und versuchen stattdessen, ihnen vermeintliche Lebensgeheimnisse einzuimpfen.“

So ist das leider. Aber das ändert sich gerade gewaltig! Wir halten die Idee der Hamburger Grundschule Forsmannstraße für wegweisend. Wir plädieren gemeinsam mit vielen Gleichgesinnten für ein Schulsystem, das zu Kreativität und Eigenverantwortlichkeit ausbildet, das gute Fragen höher bewertet als Antworten, das Kreativität höher bewertet als auswendiggelerntes Faktenwissen, das Individualität höher bewertet als Uniformität, das Lehrer achtet, gut bezahlt und mit der notwendigen Autonomie ausstattet, so dass sie ihre Arbeit mit Kreativität und Engagement machen können!

Und das gilt übrigens nicht nur für die Schulen, sondern genauso für unsere Organisationen. Was wir dort mehr denn je brauchen, sind nicht Büroinsassen und Ja-Sager, die routinemäßig ihre Checklisten abarbeiten. Sondern Menschen, die Probleme sehen, Lösungen suchen, Ideen kreieren und proaktiv handeln.

Solange man das in der Schule nicht lernen kann – und das ist bis auf Ausnahmen noch immer die bittere Wahrheit – müssen Unternehmen dafür sorgen, dass ihre Mitarbeiter diese verschütteten Eigenschaften langsam wieder ausgraben können: Jeder Chef kann eine Kultur der Eigeninitiative in seinem Bereich schaffen. Indem er seinen Leuten den Raum dafür gibt.

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