Fehler-Report: Das habe ich versemmelt – und das gelernt

Der Fehlerreport macht Fehler öffentlich

Die kanadische Non-Profit Hilfsorganisation “Engineers Without Borders” (EWB) finden wir großartig. Noch großartiger finden wir, dass die Organisation öffentlich über ihre Arbeit berichtet. Und am großartigsten finden wir den Failure Report von EWB.

Ja, Sie haben richtig gelesen. Bei EWB sprechen nicht nur alle offen über ihre Fehler und das, was sie daraus gelernt haben. Die Fehler werden sogar in einem Report veröffentlicht. Das ist mutig. Das ist clever. Und das ist extrem erfrischend!

Wir jedenfalls hören auf Kongressen und Tagungen ständig nur Erfolgsgeschichten und Best Practices. Klar mögen wir Erfolgsgeschichten. Aber was ist mit all den Fehlern, die passieren? Darüber redet kaum jemand. Es gibt sie zwar, die Formate im Stil „Die 50 dümmsten Managemententscheidungen“. Doch wer nur anklagt, verändert nichts. Wir wollen uns nicht fremdschämen, denn bei einer echten Fehlerkultur ist Scham fehl am Platz. Genauso wie Strafen.

In vielen Unternehmen müssen diejenigen, die etwas Neues wagen und dabei auf die Nase fallen, die sofortige Versetzung ins Unternehmensäquivalent zum Archipel Gulag fürchten. Das führt dazu, dass Menschen keinen Schritt mehr auf unbekanntes Terrain wagen. Innovationen werden im Keim erstickt, weil sich keiner mehr etwas traut.

Risiko? Nicht mit mir!
Entscheidungen? Weg damit!
Eigenverantwortlich handeln? Bloß nicht!

Bei EWB lief das in einem bestimmten Fall so: Ein Mitarbeiter bekam drei Monate Zeit, um Feldforschung zu betreiben. Statt in Verbindung mit den Menschen und Märkten vor Ort in Afrika zu gehen, vergrub er sich aber hinter seinem Rechner. Die drei Monate waren ruckzuck um, die Ergebnisse enttäuschend. Warum? Er war auf die wenig zielführende Idee gekommen, zuerst die Probleme in der Projektabstimmung zu optimieren, anstatt draußen im Feld gleich die realen Probleme aufzuklären. Am Ende war das Projekt perfekt verwaltet. Klar, das ist auch nicht schlecht. Aber das hilft den Menschen vor Ort nicht.

Gut, der Fehler wurde erkannt und repariert: Künftig die Prioritäten besser klären! Aber jetzt kommt der Clou: Anstatt den Fehler zu verstecken, wurde er publiziert. Mitsamt allen Erkenntnissen, die sich daraus ergaben. So steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Prioritäten in den nächsten Projekten in Tansania, Ghana und Mali von Anfang an besser gesetzt werden. Von der EWB, aber auch von anderen Hilfsorganisationen.

Die Überzeugung von EWB ist:
„Wenn wir unsere Fehler verstecken, verdammen wir uns selbst dazu, sie ständig zu wiederholen und reduzieren unsere Fähigkeit innovativ zu sein.“

Wir finden die Idee, Fehler konstruktiv und offen zu kommunizieren, genial:

1) Nach innen signalisiert es, dass Menschen honoriert werden, die etwas wagen, statt nur ihre Stellenbeschreibung abzuarbeiten – die etwas bewegen, statt nur den Ball flach zu halten. Das fördert Initiative, Kreativität und Leidenschaft.

2) Nach außen fördert diese Haltung Vertrauen: Wir gestalten Zukunft, nicht alles gelingt, aber wir stehen dazu, sprechen darüber und vor allem: Wir lernen daraus!

Und das ist der Kern. Es geht nicht darum, Fehler kleinzureden, die durch Nachlässigkeit oder Schlampigkeit entstehen. Kein Buchhalter kann es sich leisten, bei der Eingabe von Überweisungsbeträgen einfach mal so ein paar Nullen zu viel einzutippen. Fehler, die durch nachlässiges oder schlampiges Arbeiten entstehen, sind keine Heldentaten. Es geht auch nicht darum, Schlechtes kleinzureden. Es geht vielmehr darum, Verantwortung großzuschreiben.

Sie müssen ja nicht gleich den Weg von EWB gehen und einen jährlichen Fehlerreport veröffentlichen. Wichtig ist, im Alltag über die Lerneffekte zu sprechen, die sich aus dem ergeben, was falsch gelaufen ist.

Wie wäre es, Ihr wöchentliches Teammeeting mit folgendem Statement zu beginnen: „Das habe ich letzte Woche versemmelt – und das habe ich daraus gelernt.“

Nur wer wagt, macht Fehler.
Nur wer Fehler macht, lernt.

Und wer veröffentlicht, was nicht gut gelaufen ist und was sich daraus lernen lässt, fördert Eigenverantwortung und Innovationsfreude.

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