Echte Kunst oder Malen nach Zahlen?

Echte Kunst oder malen nach Zahlen?

Sich auf dem Gehsteig zu bewegen, ist geradezu eine Kunst. Die Gehwege in Saigon, der quirligen Metropole im Süden Vietnams, dienen als Parkplatz für Tausende von Mopeds, als Marktplatz für Verkaufsstände und als Stellplatz für zahllose mobile Garküchen. Als Fußgänger bewegten wir uns ganz einfach mit dem Strom und hatten uns der erhöhten Gehgeschwindigkeit schon gut anpasst – als wir beide plötzlich gleichzeitig stehen blieben. Denn damit hatten wir nicht gerechnet: Vor uns in einem Atelier hingen drei „Mona Lisas“ und einmal Klimts „Kuss“.

Kurz darauf sahen wir im nächsten Atelier die vertrauten Werke von Dix, Monet und Dali. Wie im südchinesischen Ort Dafen hat sich auch in Saigon ein ganzer Berufszweig darauf spezialisiert, die Werke namhafter Künstler zu kopieren. Ob alte Meister, Impressionisten oder Kubisten: Die Profimaler können so ziemlich jedes Bild perfekt kopieren. Sobald die Sonne aufgeht, sitzen sie in ihren kleinen Ateliers mit Verkaufsraum und malen zum hundertsten Mal van Goghs „Sonnenblumen“ oder zum zweihundertsten Mal die „Mona Lisa“.

Wir waren so beeindruckt, wie detailgetreu diese Maler eine Vorlage kopieren, dass wir uns spontan entschieden, eine Roy-Lichtenstein-Reproduktion zu kaufen: für 50 Euro nach der obligatorischer Feilscherei. Der Name des Kopisten? Uninteressant.

Und genau darin liegt das Problem für den Kopienmaler:
Er ist zwar handwerklich top, aber es gibt eben auch noch hundert andere, die ebenfalls top sind. Und wenn die Nachfrage gut ist, sind es bald zweihundert, dreihundert, fünfhundert Kollegen. Ein Kopist ist ein echter Könner im Reproduzieren von Vorlagen, aber er ist eben nicht selbst kreativ – kein Schöpfer, sondern ein „Abmaler“, kein Künstler im eigentlichen Sinne. Egal wie gut er Vorlagen kopiert, er ist prinzipiell austauschbar.

Die reine handwerkliche Leistung ist identisch, aber ein erfolgreicher Künstler schafft ein Werk im Wert von 50 Tausend Euro, der erfolgreiche Abmaler erzielt 50 Euro. Die Kluft zwischen beidem ist der pure Wahnsinn. Aber das ist die Realität.

Und das ist auch zunehmend die Realität der Arbeit in jedem Berufszweig bei uns in Europa:
Es gibt „Künstler“, die in ihrer jeweiligen Arbeit kreativ sind, Neues schaffen, initiativ werden, selber denken, entscheiden, handeln, alles, außer gewöhnlich sind – und damit gut bezahlte Jobs haben. Und es gibt diejenigen, die ‚Malen nach Zahlen‘ machen. Sie setzen Vorlagen um. Exakt. Detailgetreu. Sie liefern gute Arbeit – und werden damit immer austauschbarer, weil andere eben auch gut sind, nur vielleicht billiger.

Damit wir uns nicht missverstehen: Künstler zu sein, ist kein Privileg der kreativen Berufe. Kein Monopol der Architekten, Designer, Werber oder Filmemacher.

Künstler zu sein, ist eine Haltung, ein Selbstverständnis und ein Anspruch an uns selbst. Künstler zu sein, bedeutet, dass wir aus der Fülle unseres Wissens und unserer Kreativität schöpfen und es in neue, nützliche Anwendungen übersetzen. Egal ob als Fotograf, Einkaufsleiter, PR-Manager oder Verkäufer.

Na klar, natürlich ist nicht jeder immerzu Künstler in seinem Beruf. Wir brauchen auch Phasen, in denen wir einfach nur Dinge abarbeiten. Worum es geht, ist die Balance, die Gewichtung zwischen kreativem Tun und systematischem Abarbeiten. Sobald das letztere die dominante Rolle einnimmt und daneben kein Platz mehr ist für unsere Phantasie, unsere ungewöhnlichen Ideen, für spielerisches Experimentieren und mutige Versuche, dann werden wir zu Rädchen in der Maschinerie, die funktionieren und ausführen. Wir negieren nicht nur das, was in uns steckt, sondern werden auch immer austauschbarer.

Wie war IHR Tag heute?

Gab es ein paar Augenblicke der Kunst?
Oder war es eher ein ‚Malen nach Zahlen‘?

Es sind die künstlerischen Momente in unseren Tagen, die den Unterschied machen.

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