Dan Pink

Interview mit Dan Pink

„Hey, den Typen, der das Buch geschrieben hat, kenne ich!,“ rief ein grauhaariger Mann mit amerikanischen Akzent, als wir in einem Strandcafé in Südindien saßen und in unserer spannenden Lektüre vertieft waren. Dann stellte sich heraus: Der Amerikaner war ein ehemaliger Kollege von Dan Pink. Beide hatten als Redenschreiber für den ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore gearbeitet. Unsere Zufallsbekanntschaft war im siebten Himmel, dass wir Pinks Buch „A Whole New Mind“ lasen. Und wir dachten: Was für eine kleine Welt!

Vor ein paar Tagen haben wir nun auch Dan Pink getroffen. In Manchester haben wir uns über sein Buch „Drive – Was Sie wirklich motiviert“ unterhalten – und waren fasziniert zu entdecken, wie viele Gemeinsamkeiten wir in unserer Arbeit haben.

Dan, Du schreibst in Deinem Buch, dass Belohnungen Menschen nicht dazu bringen, ihr volles Potenzial zu entfesseln. Initiative, Kreativität und Leidenschaft eines Menschen beruhen weitgehend auf intrinsischer Motivation. Richtig?

Dan Pink: Ja, richtig. Die Fähigkeiten, die Ihr genannt habt, sind im Kern das, was uns als menschliche Wesen auszeichnet. Sie sind die Basis für ein erfolgreiches und erfülltes Leben. Oftmals bringen Menschen diese Fähigkeiten aber nicht mit ins Büro. Das Verrückte daran ist: Würden wir es den Menschen ermöglichen, dieses Potenzial auch bei der Arbeit auszuleben, würde es uns allen besser gehen. Das klingt eigentlich wie eine Selbstverständlichkeit. Die Herausforderung liegt aber in den in vielen Firmen existierenden Strukturen, die dem im Weg stehen. Und so fokussieren viele Unternehmen auf extrinsische Anreize wie Incentives, die dann oft einen gegenteiligen Effekt haben, weil sie Initiative reduzieren, Kreativität erdrücken und Leidenschaft praktisch aus der Arbeit herausspülen. Kurios ist, dass das in der Wissenschaft bereits verstanden wird – aber die Botschaft in vielen Unternehmen noch nicht angekommen ist.

Wie sieht es denn mit der Motivation für alltägliche Routinearbeiten aus?

Dan Pink: Nimm unsere Arbeit oder die Arbeit irgendeines Eurer Leser. Bei jedem von uns gibt es in dem gesamten Aufgabenspektrum auch immer mal wieder Routineaufgaben, die wir erledigen müssen. Und weißt Du was? Du machst es einfach! In gewisser Weise ist das der Preis, den Du zahlen musst, um all die anderen Sachen machen zu dürfen.

Also nicht rumjammern, sondern einfach ‚Augen zu und durch’?

Dan Pink: Nein, nicht unbedingt ‚Augen zu und durch’. Denk daran, weshalb Du das machst. Stell Dir einfach vor, dass es diese Dinge sind, die es Dir letztendlich erlauben, das zu tun, was nicht Routine ist und was Dir wirklich große Freude macht.

Aber dann gibt es ja noch Menschen, die Berufe haben, bei denen der Großteil der Arbeit einfach Routine ist.

Dan Pink: Ja genau. Denk an das Hotel, in dem wir gerade sitzen. Irgendjemand muss den Teppich saugen. Nicht gerade eine besonders aufregende Arbeit. Ziemliche Routine. Aber irgendjemand muss das machen. Was Du aber tun kannst, ist folgendes: Erstens, erklär diesem Menschen, warum seine Aufgabe wichtig ist und wie sie zum großen Ganzen beiträgt. Denn ein sauberer Boden ist nicht nur ein sauberer Boden, sondern eine erstklassige Visitenkarte für das ganze Hotel. Zweitens hilft es, wenn Du zugibst, dass die Aufgabe langweilig ist. Und drittens kannst Du der Person Freiraum bei der Erledigung der Aufgabe einräumen. Du könntest also sagen: ‚Ich weiß, dass das Saugen nicht besonders aufregend ist. Aber: Du kannst die Aufgabe erledigen, wie du es für richtig hältst. Ich mache Dir da keine Vorschriften. Hauptsache das Ergebnis stimmt’. Ich denke jeder Routinejob kann mit mehr Autonomie gemacht werden. Natürlich kannst Du nicht sagen ‘Saug einfach, wann immer Du Dich danach fühlst’. Das wird nicht funktionieren. Aber innerhalb der Aufgabe solltest Du den Leuten Freiraum gewähren. Und viertens könntest Du auch den Umfang der Routineaufgabe erweitern. Also in dem Stil: ‚Du bist nicht nur jemand, der den Boden saugt, sondern Du bist auch ein Botschafter für unser Hotel. Also: Grüße unsere Gäste. Frage, ob Du weiterhelfen kannst und so weiter.’

Kosten zu reduzieren ist immer noch ein Riesenthema in vielen Unternehmen. Hilft Dein Buch auch Managern in dieser Situation weiter?

Dan Pink: Ein bisschen ganz bestimmt. Die meisten meiner Ideen, die ich im Buch vorschlage, sind sofort umsetzbar und absolut preiswert. Denn die wichtigste Ressource ist ja schon da: Deine Mitarbeiter. Alles was Du tun musst, ist ein Umfeld zu schaffen, in dem die Menschen motivierter ihre Arbeit erledigen können. Und das kostet so gut wie kein Geld.

Du lebst und arbeitest in Washington DC. Verrätst Du uns Deinen Lieblingsplatz in der Stadt?

Dan Pink: Das ist eine ziemlich coole Frage. Ich habe zwei Lieblingsplätze. Der eine ist der Ostflügel der National Gallery of Art. Das ist der Bereich, wo Du die zeitgenössische Kunst findest. Da bin ich total gerne. Außerdem hat das Museum einen großartigen Coffee Shop, in dem man mittags super essen kann. Das Beste ist, dass es kostenlos ist. Natürlich nicht das Essen, sondern nur der Eintritt. Du kannst also großartige Kunst sehen und dabei lecker und günstig essen. Mein zweiter Lieblingsplatz ist das Restaurant Jaleo in der 7th Street. Ein Spanier. Richtig gut. Ich liebe die spanische Küche.

Hast Du ein Motto, das Dich und Deine Lebenseinstellung beschreibt?

Dan Pink: [lacht] Eure Fragen werden ja immer besser! Ich weiß nicht, ob ich ein einzelnes Motto habe. Ich glaube eher, dass ich ein paar habe, die ich kombiniere. Eins davon ist: ‚Üben-üben-üben’. Das ist die einzige Art, wie wir richtig gut werden können. Egal was wir tun. Das andere Motto, an das ich mich immer wieder erinnere, ist ‚Die Schildkröte hat gewonnen!’

Die Schildkröte hat gewonnen?

Dan Pink: Ja, kennt Ihr nicht die Geschichte von der Schildkröte und dem Hasen, die einen Wettlauf gemacht haben? Die Schildkröte hat gewonnen. Und das vergessen die meisten von uns immer. Es ist total okay, eine Schildkröte zu sein. Ich bin eine Schildkröte [Lacht]. Und mein drittes Motto ist von Tom Petty. In einem seiner Songs heißt es ‘Du solltest überzeugt aber niemals wirklich sicher sein’. Das heißt sei selbstbewusst und überzeugt von deinen Ideen, bleibe aber offen dafür, dass es möglicherweise auch noch eine andere Perspektive gibt.

Klasse! Danke für das offene und interessante Gespräch, Dan!

Dan Pink: Euch auch alles Gute, Anja und Peter.

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Eine Besprechung des Buchs “Drive” finden Sie auf unserer Website “Die 99 besten Wirtschaftsbücher”.

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