Sicherheitszonen

Arbeit ohne Angst. Sicherheitszonen in Unternehmen.

Crème Brûlée klingt super. – Ein schönes Restaurant, gutes Essen, ein entspannter Abend mit Freunden. Die Stimmung ist gut. Nach dem Hauptgang hat eine Freundin von uns Lust auf etwas Süßes und stöbert in der Dessertkarte. Es gibt zwei Varianten Crème Brûlée: Einmal für Kinder für fünf Euro und einmal mit Vanilleeis für Erwachsene für 7,80 Euro. Sie entscheidet sich für die “Kindervariante”, weil sie kein Eis möchte. Und dann … Sie glauben nicht, was als nächstes passiert ist:

Kaum hat sie den ersten Bissen ihrer süßen Wahl genossen, als plötzlich der Kellner wieder neben ihr steht und sagt: “Ich bin neu hier und habe gerade einen Fehler gemacht. Diese Crème Brûlée ist nur für Kinder. Ich muss die Ihnen jetzt wegnehmen. Das ist mir sehr unangenehm, aber wenn ich das nicht mache, bekomme ich Probleme und bin meinen Job los.”

Bitte, was?

Am Tisch war Stille.

Kurz darauf war die Crème Brûlée weg. Und die gute Laune auch.

Was um alles in der Welt bringt einen Kellner dazu, dem Gast das Essen unter dem Löffel wegzuziehen? Schauen wir genauer hin: Hinter den Sätzen, die der junge Mann gesprochen hatte, verbarg sich ein Subtext. Seine wirkliche Botschaft war: “In diesem Unternehmen fühle ich mich nicht sicher. Und deswegen behandele ich Sie jetzt wie den letzten Dreck, um mich selbst zu schützen.”

Das Motiv, das den Kellner so verstörend handeln ließ, ist zutiefst menschlich: Angst! Existenzangst. Es gibt hier kein wildes Tier, das das physische Überleben des Mannes bedroht. Aber es gibt einen Chef, der seine wirtschaftliche Existenz bedroht. Es geht ums Überleben – immer noch.

Um zu überleben bildet Homo Sapiens Gemeinschaften. Erst in einem Verbund von Gleichgesinnten fühlen wir uns sicher. Erst dann lässt die Angst nach. Doch dafür braucht es gegenseitiges Vertrauen und die Bereitschaft füreinander einzustehen. Auch das ist eine Funktion von Unternehmen. Wo Mitarbeiter fürchten müssen, bei dem kleinsten Fehler gefeuert zu werden, wächst kein Vertrauen. Sondern gedeiht die Angst. Angst ist aber unproduktiv. Niemand kann sich in einem Job entfalten, bei dem ihm täglich droht, der Boden unter den Füßen weggezogen zu werden.

Wer mit Angst im Nacken handelt, wer fürchtet, einen Fehler gemacht zu haben, der setzt seine ganze Energie dafür ein, sich selbst zu schützen statt im Sinne der gemeinschaftlichen Ziele zu handeln. Der Kunde kommt dabei erst an letzter Stelle. Wie sich das für Unternehmen auswirkt ist klar: destruktiv!

Führungskräfte haben deswegen unserer Meinung nach drei Aufgaben:

1. Eine Sicherheitszone schaffen. Das ist der Raum, in dem Respekt und Toleranz zu Hause sind. Ein Ort, an dem Menschen keine Angst haben und jeden Tag mit dem guten Gefühl nach Hause gehen, dass ihr Beitrag geschätzt wird. Auf diesem Nährboden können sich Mitarbeiter ausprobieren und Erfolge feiern. Ohne diese Sicherheitszone erobern Angst, Misstrauen und blinder Selbstschutz die Festung jeder Organisation.

2. Jeder Chef muss entscheiden, wen er in diese Sicherheitszone hineinlässt – und welches Entscheidungskriterium dafür gelten soll: Ist es der lückenlose Lebenslauf oder sind es die Werte des Kandidaten, die zum Unternehmen passen?

3. Wer ein Unternehmen führt, ist verpflichtet, die Zone der Gemeinschaft bis zum äußersten Rand auszudehnen. Es nützt nichts, wenn es enge innere Zirkel gibt wie die Riege der Führungskräfte oder die Menschen, die in der Zentrale arbeiten. Nur, wenn diese Gemeinschaft so stark ist, dass selbst die jüngsten Mitarbeiter sie spüren können oder diejenigen, die weit weg vom Hauptsitz des Unternehmens ihren Job machen, nur dann können Menschen Vertrauen haben und sich zugehörig fühlen.

Hätte der Restaurant-Chef seinem Mitarbeiter vertraut, dann hätte der genügend Selbstvertrauen gehabt, seine Gäste wie Vertraute zu behandeln. Die gerne wieder kommen. Auch weil die Crème Brûlée so richtig gut ist, wenn man sie in Sicherheit genießen darf…

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