Home

  Backstage Talk - Parissa Hagirian

Parissa Haghirian

Parissa Haghirian im Gespräch mit Förster & Kreuz


Welche Erfahrungen hast Du als Frau in der von Männern dominierten japanischen Arbeitswelt gemacht?

PH: In Japan ist vor allem die Position entscheidend, nicht so sehr, wer sie innehat. Das bedeutet, dass beruflich in erster Linie meine Stellung als Professorin wahrgenommen wird und weniger meine Rolle als Frau. Das ist sehr angenehm und ich hatte bisher keine Probleme. Japaner stehen neuen Ideen sehr aufgeschlossen gegenüber. Daher ist es für mich einfach, hier an der Universität individuelle Projekte umzusetzen. Ich habe ein tolles, interkulturelles und sehr harmonisches Arbeitsumfeld.

Was ist die größte Herausforderung, wenn man in Asien lebt und arbeitet?

PH: Zu Beginn sind die kulturellen Unterschiede sehr anstrengend. Ich war anfangs nicht nur die Jüngste, sondern auch die erste europäische Frau in einem sehr traditionellen japanischen Arbeitsumfeld. Es ist eine Herausforderung, sich als Europäerin in eine traditionelle japanische Organisation einzufügen. In Japan werden beispielsweise alle Entscheidungen in der Gruppe getroffen und es wird erwartet, dass man sie – auch wenn man anderer Meinung ist - mitträgt. Diskussionsprozesse dauern sehr lange und beinhalten viele Details, die man bei uns einfach übergehen würde. Daran musste ich mich erstmal gewöhnen.

Auch die Privatsphäre hat hier eine andere Bedeutung. In japanischen Unternehmen gibt es beispielsweise jedes Jahr einen Gesundheitscheck, der vom Unternehmen organisiert wird. Das fand ich anfangs nicht so toll.

Mit den Jahren habe ich mich aber an viele japanische Arbeitsprozesse gewöhnt. Ich bin sehr viel geduldiger geworden. Nach einer Weile versteht man die Hintergründe und erkennt, dass asiatische Managementpraktiken auch viele Vorteile haben. Dann wird es allerdings schon wieder schwierig, beim Heimatbesuch mit europäischer Direktheit und Serviceverständnis umzugehen.

Was ist Deine Einschätzung? Ist Japan für die Zukunft besser aufgestellt als Deutschland?

PH: Ich denke, dass Japan und Deutschland in einer sehr ähnlichen Situation sind. Beide Länder wachsen wirtschaftlich nur geringfügig und haben strukturelle Probleme. Japan geht damit allerdings etwas offensiver um. Hier ist sich jeder im Klaren, das sich etwas ändern muss. Gejammert wird hier nicht, sondern aktiv nach Lösungen gesucht. Japanische Unternehmen engagieren beispielsweise vermehrt Ausländer, die neue Ideen einbringen sollen.
Problematisch sind allerdings die japanischen Entscheidungsprozesse, die sehr gruppenorientiert sind und daher überdurchschnittlich lange dauern.

Ist der Nachbar China ein starker Wettbewerber für Japan oder eher ein Wettbewerbsvorteil?

PH: China ist für Japan ein genau so starker Wettbewerber wie für Deutschland. Viele japanische Unternehmen mussten beispielsweise aufgrund des Preisdrucks ihre Produktion nach China verlegen. Dadurch waren japanische Unternehmen gezwungen, sich auf ihre Stärken zu konzentrieren. Japan konnte durch die Abgrenzung zur chinesischen Konkurrenz sein Profil als Hochtechnologieland und als innovativer Markt schärfen. China wird aus diesem Grund wohl als starker Rivale, in erster Linie aber auch als Impulsgeber für die japanische Wirtschaft und ihre Unternehmen gesehen.

Was nervt Dich an Tokio?

PH: Das einzige Problem ist die Größe der Stadt und das tropische Klima. Um Freunde zu treffen, muss man mindestens ein halbe bis eine Stunde Fahrt einplanen. Der Sommer in Tokio ist jedes Jahr eine Herausforderung. Tropische Hitze in einer Millionenstadt ist ganz schön anstrengend.

Was findest Du genial an Tokio?

PH: Genial finde ich die tokioter Mischung aus Tradition und Modernität. Tokio ist eine sehr dynamische Stadt mit hoher Lebensqualität, in der es alles rund um die Uhr gibt. Wenn man wie ich im Bereich internationales Management forscht, dann ist Tokio auch der beste „Arbeitsplatz“ der Welt. Man kann jeden Tag etwas Spannendes erleben und interessante Menschen treffen. Die Dynamik der Stadt ist ansteckend.

Was ist Dein liebster Ort in Tokio?

PH: Meine Lieblingsviertel sind Kagurazaka und Asakusa, wo man noch traditionelles Handwerk und das alte Tokio erleben kann. Im Sommer bin ich oft in Odaiba, Tokios Insel, dort gibt es einen sehr schönen Strand, Bars und Urlaubsatmosphäre. Und die neuen Gebäude-Komplexe Midtown und Roppongi Hills sind gute Orte um Essen oder Shoppen zu gehen.

Hast du ein Motto, das Dich beschreibt und Deine Lebenseinstellung?

PH: Mir gefällt das japanische Sprichwort „Koketsu ni irazunba, koji o esu“ (Man kann keinen Tiger fangen, ohne seine Höhle zu betreten). Ins Deutsche könnte man es mit „Ohne Risiko gibt es keinen Erfolg“ übersetzen. Ich glaube, dieses Sprichwort passt gut zu mir, da ich kein ängstlicher Mensch bin. Ich denke kaum an mögliche Komplikationen, die ich im Laufe meiner Arbeit, meines Projekts oder vor allem meines Lebens in einem asiatischen Land haben könnte. Über Probleme und Gefahren kann ich auch nachdenken, wenn ich tatsächlich mit ihnen konfrontiert werde. Alles andere ist reine Zeitverschwendung. Diese Einstellung hat sich bis heute bewährt.
Außerdem höre ich bei wichtigen Entscheidungen nicht immer (oder besser gar nicht ;-) auf „gute Ratschläge“ meiner Umwelt. Meine Ideen (z.B. mit Anfang 20 nach Asien zu gehen, Japanologie und BWL zu studieren, in der japanischen Provinz und danach in Tokio zu leben) wurden vom meiner Umwelt sehr skeptisch aufgenommen. Man benötigt eine gewisse Liebe zum Risiko und eine gute Portion Selbstbewusstsein, um sein Leben so zu gestalten, wie man es für richtig hält.




Parissa's Website: http://www.parissahaghirian.com
Parissa's Email:
p-haghir@sophia.ac.jp
Parissa's Buch:
Markteintritt in Japan
Fotos:
Förster & Kreuz in Tokio