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Malcolm Gladwell

Malcolm, Dein neuestes Buch „Überflieger“ stellt eine sehr interessante Frage: Warum sind einige Leute sehr
erfolgreich – und warum entfalten so viele andere niemals
ihr volles Potenzial? Was ist Deine Antwort?
MG:
Wenn man in eine Buchhandlung geht, findet man hunderte von
Büchern zum Thema Erfolg, Biographien berühmter Menschen
oder Erfolgsratgeber, die dem Leser die sechs Prinzipien –
oder waren es sieben? – für persönlichen und beruflichen
Erfolg versprechen. Deshalb sollten wir eigentlich so
ziemlich alles über dieses Thema wissen. Als ich „Überflieger“
geschrieben habe, ist mir aufgefallen, dass wir viel zu sehr
auf das Individuum schauen – indem wir die Gewohnheiten und
Persönlichkeitsmuster von Menschen beschreiben, die es am
weitesten gebracht haben. Und genau das ist das Problem. Um
zu verstehen, warum jemand ein Überflieger ist, musst Du Dir
auch sein sozio-kulturelles Umfeld ansehen und rausfinden,
in welcher Familie, Gemeinschaft und in welcher Generation
dieser Überflieger aufgewachsen ist. Wir haben bisher
nur einzelne hohe Bäume gesehen, aber ich denke, wir müssen
den gesamten Wald betrachten.
Gibt es dafür ein prägnantes Beispiel?
MG:
Klar. In meinem Buch beschreibe ich, dass eine überraschend
hohe Zahl der mächtigsten und erfolgreichsten Firmenanwälte
in New York eine fast deckungsgleiche Biographie besitzt. Es
sind jüdische Männer, die Mitte der dreißiger Jahre in der
Bronx oder in Brooklyn geboren wurden. Sie sind
Immigrantenkinder, deren Eltern in der Bekleidungsindustrie
gearbeitet haben. Man könnte das als Zufall abtun. Oder Du
kannst fragen, ob es möglicherweise
einen Zusammenhang gibt zwischen der Zugehörigkeit zum
jüdischen Glauben, einer Kindheit während der großen
Depression und Eltern, die in der Bekleidungsindustrie
arbeiten einerseits und zwischen dem späteren beruflichen
Erfolg als Anwalt andererseits. Die Antwort ist, dass man
eine Menge darüber lernen kann, warum jemand so erfolgreich
in seinem Beruf ist, wenn man diese Fragen stellt.
Das hört sich an, als ob Erfolg Schicksal ist. Trifft das
wirklich zu?
MG:
Nein, so weit würde ich nicht gehen. Aber ich bin davon
überzeugt, dass wir das Ausmaß der Faktoren, die Erfolg
begünstigen, aber vom Individuum nicht zu beeinflussen sind,
bei weitem unterschätzen. „Überflieger“ beginnt
beispielsweise mit der Frage, warum eine überproportionale
Menge von professionellen Hockeyspielern im Januar, Februar
und März geboren ist. Ich will jetzt nicht schon alles
verraten, aber der entscheidende Punkt ist, dass die
allerbesten Hockeyspieler Menschen sind, die talentiert sind
und hart trainieren, aber auch von den seltsamen und
weitestgehend ungeprüften Mechanismen profitieren, in denen
die Welt der Profi-Hockeyspieler organisiert ist. Ich habe
übrigens eine Menge Spaß mit dem Spiel mit Geburtstagen in „Überflieger“.
Wusstet Ihr, dass es ein magisches Geburtsjahr für
Softwaremogule gibt? Und dass es ein anderes magisches
Geburtsjahr für Leute gibt, die sehr reich sind? In der Tat
gibt es ein Zeitfenster von 9 Jahren, das mehr Überflieger
hervorgebracht hat als jede andere Periode in der
Geschichte. Es ist bemerkenswert, wie viele Muster sich im
Leben von sehr erfolgreichen Menschen finden lassen, wenn Du
nur genau hinschaust.
Du sagst, dass Talent und Intelligenz bei weitem nicht so
wichtig sind wie wir denken. Was brauchen wir dann wirklich,
um erfolgreich zu sein?
MG:
Talent und Intelligenz sind wichtig, keine Frage. Aber
letztlich sind es auch Erfahrung und Übung, die eine sehr
bedeutende Rolle spielen. Bill Gates’ Erfolg lässt sich auch
darauf zurückführen, dass er das große Glück hatte, eine
Schule zu besuchen, die ihm die Chance bot, unglaublich viel
Zeit vor einem Computer zu verbringen. Tatsächlich hatte er
bereits über 10.000 Stunden vor dem Computer verbracht,
bevor er sein eigenes Softwareunternehmen gründete. Er wurde
außerdem zu einer Zeit geboren, als diese Computererfahrung
selten war, was ihn ziemlich einzigartig gemacht hat. Oder
nimm die Beatles. Klar hatten die musikalisches Talent. Aber
was die Beatles zu den Beatles gemacht hat, war die
Einladung nach Hamburg, wo sie in einem Stripclub an sieben
Tagen die Woche jede Nacht fünf Stunden gespielt haben.
Diese frühe Chance viel zu üben, ließ letztlich ihren
Erfolgsstern strahlen. Talentiert. Absolut! Aber sie haben
auch ganz einfach sehr viel mehr Stunden reingesteckt als
andere Bands
Malcolm, vielen Dank für das Interview.
Malcolm Gladwell's neues Buch:
Überflieger – Warum manche Menschen erfolgreich sind - und
andere nicht

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