Plädoyer für die Stillen in einer lauten Welt

Plädoyer für die Stillen in einer lauten Welt

Enten legen ihre Eier in Stille – Hühner begackern freudig jedes Ei. Was ist die Folge? Alle Welt isst Hühnereier! Ergo: Nur wer laut genug ist, hat Erfolg …

Diesen Spruch haben Sie so oder so ähnlich bestimmt schon mal gehört. Derzeit ist er sehr beliebt, insbesondere bei Business-Speakern, Trainern und Beratern steht diese effektvolle Analogie gerade sehr weit oben in den Charts, weshalb sie auf den Bühnen und in den Seminarräumen zwischen Flensburg und Bozen regelmäßig abgenudelt wird.

Und auf den ersten Blick ist die Erkenntnis, die dahinter steht, auch nicht von der Hand zu weisen: Wer bekommt in der Schule die besten Noten? Derjenige, der die Hand hebt und sich fleißig beteiligt. Wer wird befördert? Derjenige, der seine Leistungen  beim Chef effektvoll in Szene zu setzen weiß. Wer setzt sich im Meeting durch? Derjenige, der redefreudig und wortgewandt ist und seine Ideen mit einer kräftigen Portion Eigenvermarktung präsentiert. Die Überzeugung, dass die Lauten und Extrovertierten die Besten sind, ist bereits zur gesellschaftlichen Norm geworden. Ob in Wirtschaft, Medien oder Politik: Weiter kommt, wer laut genug trommelt, am stacheligsten provoziert oder die größten Versprechungen abgibt.

Aber, mal ehrlich: Glauben Sie wirklich, dass die Lauten, Schrillen und Extrovertierten immer kompetenter sind, die treffenderen Argumente haben und den besseren Plan verfolgen?

Angenommen, Talent, Kreativität und Innovationskraft würden in der Bevölkerung der Normalverteilung unterliegen. Das würde bedeuten, dass stille und laute Menschen etwa die gleiche Anzahl an guten oder schlechten Ideen haben. Der Gedanke des Mauerblümchens wäre dann durchschnittlich genauso wertvoll wie der des Alleinunterhalters. Wenn sich dennoch hauptsächlich die Extrovertierten durchsetzten, müsste uns das sehr besorgt machen. Denn das bedeutete, dass niemals die beste Auswahl von Argumenten, Ideen und Vorschlägen diskutiert würde, weil die Qualitätsbeiträge der Introvertierten unter den Tisch fielen oder ungesagt blieben.

Wir wissen nicht, wie es Ihnen geht, aber für uns gibt es keinen Grund zu glauben, dass diese Annahme falsch ist. – Im Klartext: Die Qualität eines Gedankens hängt NICHT von der Lautstärke ab, mit der er geäußert wird! Und: Weil wir zu sehr auf die Lauten hören, verschenken wir ein Riesenpotenzial an Kreativität und Geist!

Wir sind der festen Überzeugung: Wir brauchen die Lauten und die Stillen. Die Vornewegrenner und die Vorsichtigen. Die Extrovertierten und die Introvertierten. Vergessen wir die Scheuen, Sanften, Autonomen zu fördern, dann verlieren wir die Künstler, Ingenieure und Denker von morgen.

Die amerikanische Juristin und Verhandlungstrainerin Susan Cain hat ein wunderbares Buch geschrieben: „Still: Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt“. Sie macht sich in einer angenehm leisen Art für die Leisen stark: „Verwechseln Sie nicht Durchsetzungsfähigkeit oder Beredsamkeit mit guten Ideen … vergessen Sie nicht, dass Schein nicht Sein ist.“ – Sie spricht uns aus dem Herzen!

Enteneier sind übrigens eine Delikatesse, sie sind im Durchschnitt größer und schwerer als Hühnereier und haben einen intensiveren Geschmack.

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