Netflix: Die Freiheit, sich selbst frei zu geben

NETFLIX: DIE FREIHEIT, SICH SELBST FREI ZU GEBEN

„Ihr zählt nicht die Zeit, die ich arbeite. Wieso also zählt ihr die Zeit, die ich nicht arbeite?“ Auf diese mutige Frage eines der 600 Angestellten des amerikanischen Online Filmverleihers Netflix hatte Vorstandschef Reed Hastings keine Antwort. Seine Leute arbeiteten oft noch von zuhause aus an Projekten, saßen bis tief an die Nacht an Problemlösungen und kreativen Konzepten. Wollten sie aber spontan einige Tage freinehmen, zum Beispiel, weil ein Familienmitglied Unterstützung brauchte, dann stand das Urlaubsmodell der Firma im Weg.

Angeregt durch die Frage des Mitarbeiters beschloss Hastings, einen Versuch zu wagen: Er übergab seinen Mitarbeitern die volle Verantwortung für ihren Urlaub. Die volle Verantwortung! – Zehn Tage im Jahr? Oder vierzig? Alles am Stück? Oder jede Woche einen freien Tag? Einschränkungen gibt es – keine! Wirklich wahr. Es gibt lediglich eine Regel: Die Chefs müssen wissen, wo die Urlauber sind und ob deren Arbeit erledigt ist oder von einem anderen übernommen wird.

Funktioniert? Ja, funktioniert! Geschadet hat es dem ehemaligen Silicon-Valley-Start-up definitiv nicht. Die Firma fährt Gewinne in Millionenhöhe ein. Vielleicht sogar gerade weil die Freiheit, die das Unternehmen seinen Mitarbeitern lässt, diese antreibt. Kreative, die um ihren Marktwert wissen, lassen sich nun mal ungern gängeln.

„Richtlinien und Vorschriften und Regelungen und Bestimmungen sind Innovationskiller. Menschen geben ihr Bestes, wenn sie unbelastet sind“, heißt es von Firmenseite. Durch die innovative Denke in Sachen Unternehmensführung signalisiert Netflix an junge Spitzenkräfte: Kommt zu uns, wir vertrauen euch.

Dass dieses Vertrauen auf beiden Seiten auch einiges an Disziplin erfordert, versteht sich von selbst. Mitarbeiter, die jahrzehntelang in behördenähnliche Strukturen eingebunden waren, fühlen sich von solchen Freiheiten vielleicht überfordert – manche nehmen aus Angst gar keinen Urlaub, andere reizen das Angebot aus und schaden damit bewusst oder unbewusst den Kollegen.

Natürlich ist es 1000 Mal einfacher, zum Chef zu gehen und sich sagen zu lassen, was zu tun ist. Genau so, wie es für den Chef unkomplizierter ist, wenn er über die Arbeitszeit und Anwesenheit seiner Angestellten bestimmen kann. Sie dagegen wie Erwachsene zu behandeln, die eigene Entscheidungen treffen und volle Verantwortung tragen, erfordert Mut. Und manchmal auch die Kraft, einem nach Anweisungen fragenden Mitarbeiter zu signalisieren: Not my business. Klär’s mit deinen Kollegen.

In unserem neuen Buch Nur Tote bleiben liegen beschreiben wir genau das: Wie viel Energie es braucht, sich aus alten Denkmustern zu lösen und auf die „Selbstfähigkeiten“ zu setzen – Selbstdisziplin, Selbstorganisation, Selbstverantwortung, Selbsteinschätzung, Selbstkontrolle, Selbstsicherheit, Selbstvertrauen.

Und wie wichtig es ist, ein klares NEIN zu formulieren, wenn es um eine weitere „Selbstfähigkeit“ geht: die Selbstausbeutung. Wer ständig erreichbar ist und seinen Schreibtisch überall spontan aufschlagen kann, muss lernen, Grenzen zu ziehen und für sich zu entscheiden, wann es an der Zeit ist, das Handy auszuschalten, den Computer herunterzufahren und Urlaub zu machen. Das hat wiederum eine Menge mit einem gesunden Trieb zur Selbstbehauptung und Selbsterhaltung zu tun. Chefs dagegen müssen lernen, diese Grenzen als Selbstverständlichkeit zu akzeptieren.

Und NEIN, niemand hat behauptet, dass das alles einfach ist. Aber wir glauben daran, dass es langfristig der richtige Weg ist. Und dass man sich besser jetzt schon darauf vorbereitet. Die Veränderung ist unausweichlich. Das Arbeitsmodell der Zukunft heißt nicht „9 bis 5“, sondern „Es ist deine Zeit. Teile sie dir selbst ein.“

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