Mario Pricken

Interview mit Mario Pricken

Er zählt zu den gefragtesten Innovations- und Kreativitätsexperten. Sein 2001 erschienener Bestseller „Kribbeln im Kopf“ ist heute ein international anerkanntes Standardwerk. Für sein neues Buch „Aura des Wertvollen“ hat Mario Pricken mehr als 300 Produkte, Objekte und Ereignisse über ihren gesamten Lebenszyklus analysiert, um Muster zu identifizieren, die Dinge besonders wertvoll machen.

Seit unserer Zeit in Wien ist der in Klosterneuburg bei Wien lebende Mario Pricken ein guter Freund von uns, mit dem wir uns regelmäßig zum Gedankenaustausch treffen.

Mario, du machst in deinem neuen Buch jene Faktoren sichtbar , die uns Produkte als wertvoll erscheinen lassen. Was beutet das nun? Sind die Produkte wertvoll oder erscheint es uns nur so?

Mario Pricken: Ich habe wertvolle Produkte mit Hilfe zweier simpler Fragen durchleuchtet: Was macht dich kostbar und auf welche Weise löst du Begehren aus? Eine Schlüsselerkenntnis: Marketing beginnt bei der Produktentwicklung und nicht erst mit der Werbekampagne! Denn wertvolle Produkte besitzen immer eine herausragende Biografie. Das bedeutet, dass sie nicht nur an einem einzigen Punkt wertvoll oder einzigartig sind, sondern an vielen Punkten ihres „Lebens“.

Je wertvoller ein Objekt ist, desto mehr lässt es sich mit einzigartigen Persönlichkeiten wie Charlie Chaplin, Coco Chanel oder John F. Kennedy vergleichen: Sie sind herausragend, mutig, unverwechselbar, haben Rekorde aufgestellt, Neuland betreten und Menschen fasziniert – von der Geburt bis zum Tod.

Auch die Biografien wertvoller Produkte stecken voller Geschichten, die uns in ihren Bann ziehen. Sie sind „Persönlichkeiten“, mit denen wir uns gerne umgeben und in deren Licht wir uns gerne zeigen.

Das erklärt aber noch nicht das Phänomen der „Aura des Wertvollen“, von dem du in deinem Buch sprichst.

Mario Pricken: Es ist wie mit dem Verliebtsein: Wir sehen etwas Bestimmtes in einem Menschen, was viele andere beim besten Willen nicht erkennen können. Wenn du dich in eine besondere Uhr, ein formschönes Auto oder ein edles Kleidungsstück „verliebst“, dann ist dieses Objekt von einer Aura umgeben, die in dir ein „Will-ich-haben“-Gefühl auslöst. Das Spannende daran: Wie bei Schönheit, so liegt auch der Wert eines Objektes in diesem Moment einzig und alleine im Auge des Betrachters.

Was kann man tun, um diese Aura zu erzeugen?

Martin Pricken: Ich habe insgesamt 80 Faktoren herausgearbeitet, die sich in den Biografien wertvoller Produkte oder in Objekten aus Kunst, Kultur oder Religion in unterschiedlichen Mischungen wiederfinden – etwa Elemente der Einzigartigkeit, der Verknappung, der Wirkung von Zeit, aber auch Rituale oder inszenierte Übergaben. Alle 80 Faktoren sind wunderbare Instrumente, um eine Biografie zu schreiben, die Produkte mit Wert anreichern.

Rituale, künstliche Verknappung, Inszenierung etc. Sind das nicht genau die Faktoren, mit denen uns heute so viele Anbieter zum Kauf verführen wollen? Was unterscheidet denn wertvolle Produkte von Massenprodukten?

Mario Pricken: Massenprodukte müssen permanenten Werbe-Druck erzeugen, damit wir sie überhaupt wahrnehmen – aus diesem Grund verschlingen sie enorme Marketing- und Werbebudgets. John Rishton, der CEO von Rolls Royce, sagt: „Unsere Konkurrenz sind nicht andere Automarken, wir konkurrieren lediglich mit Privatjets, Yachten oder teurem Schmuck.“ Er hat erreicht, wovon viele nur träumen können. In seinem Segment ist er konkurrenzlos, kein anderer Autohersteller kann ihm das Wasser reichen.

In der Kommunikationsbranche galt jahrelang das Credo „abweichen von der Norm, anders sein, aus der Masse sichtbar herausragen“. Doch meiner Erfahrung nach reicht das schon lange nicht mehr. Heute heißt es „Weiche nicht von der Norm ab, sei die Norm!“ und „Rage nicht aus der Masse, sondern sei gar nicht erst Teil von ihr!“ Produkte, Objekte und Ereignisse, die es schaffen sich auf diese Weise an die Spitze zu setzen, sind wertvoll.

Weshalb gelingt es so wenigen Unternehmen, genau dieses Wertempfinden mit ihren Produkten auszulösen?

Mario Pricken: Wenn es nur mehr um Gewinne, Quartalszahlen und Marktmacht geht, haben Unternehmen ihren primären Sinn verloren, nämlich Menschen mit großartigen Produkten zu versorgen. Dieses Phänomen erlebt man immer häufiger bei Luxusunternehmen. Waren Gucci, Chanel oder Louis Vuitton früher geschichtsträchtige Familienbetriebe, müssen sie heute in einem internationalen Konzernverband enorme Umsätze heranschaffen. Wo ist die Seele dieser Unternehmen geblieben?

Saskia Wittmer aus Florenz zählt zu den besten Schuhmacherinnen der Welt und ich bin mir sicher, Wachstumsstrategien, Produktionsoptimierung oder Kostenreduktion sind für sie zweitrangig. Für sie zählen Leidenschaft, die Liebe für die Schuhmacherei, glückliche Kunden und eine Form von Perfektion, die in die Geschichte eingehen wird.

Mir ist kein Controller bekannt, der jemals etwas erschaffen hätte, das Menschen bis zum heutigen Tag fasziniert oder begeistert. Natürlich braucht man diese Spezialisten, aber man sollte sie wieder etwas mehr an die Leine nehmen, damit nicht noch mehr Marken Schaden erleiden.

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Eine Besprechung des Buchs „Die Aura des Wertvollen“ finden Sie auf unserer Website „Die 99 besten Wirtschaftsbücher“

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