Malcolm Gladwell

Interview mit Malcom Gladwell

Wir haben Malcolm Gladwell in Frankfurt getroffen, wo er sein neues Buch Überflieger vorgestellt hat. Der Autor der beiden weltweiten Bestseller Tipping Point und BLINK! sagt über sich selbst, dass er nie einfach nur auf der faulen Haut liegt. Dafür macht ihm seine Arbeit viel zu viel Spaß … Vielleicht erklärt diese Einstellung auch, warum er an diesem Abend zwar sehr müde aussah, aber doch voller Energie steckte.

Malcolm, Dein neuestes Buch „Überflieger“ stellt eine sehr interessante Frage: Warum sind einige Leute sehr erfolgreich – und warum entfalten so viele andere niemals ihr volles Potenzial? Was ist Deine Antwort?

Malcolm Gladwell: Wenn man in eine Buchhandlung geht, findet man hunderte von Büchern zum Thema Erfolg, Biographien berühmter Menschen oder Erfolgsratgeber, die dem Leser die sechs Prinzipien – oder waren es sieben? – für persönlichen und beruflichen Erfolg versprechen. Deshalb sollten wir eigentlich so ziemlich alles über dieses Thema wissen. Als ich „Überflieger“ geschrieben habe, ist mir aufgefallen, dass wir viel zu sehr auf das Individuum schauen – indem wir die Gewohnheiten und Persönlichkeitsmuster von Menschen beschreiben, die es am weitesten gebracht haben. Und genau das ist das Problem. Um zu verstehen, warum jemand ein Überflieger ist, musst Du Dir auch sein sozio-kulturelles Umfeld ansehen und rausfinden, in welcher Familie, Gemeinschaft und in welcher Generation dieser Überflieger aufgewachsen ist. Wir haben bisher nur einzelne hohe Bäume gesehen, aber ich denke, wir müssen den gesamten Wald betrachten.

Gibt es dafür ein prägnantes Beispiel?

Malcolm Gladwell: Klar. In meinem Buch beschreibe ich, dass eine überraschend hohe Zahl der mächtigsten und erfolgreichsten Firmenanwälte in New York eine fast deckungsgleiche Biographie besitzt. Es sind jüdische Männer, die Mitte der dreißiger Jahre in der Bronx oder in Brooklyn geboren wurden. Sie sind Immigrantenkinder, deren Eltern in der Bekleidungsindustrie gearbeitet haben. Man könnte das als Zufall abtun. Oder Du kannst fragen, ob es möglicherweise einen Zusammenhang gibt zwischen der Zugehörigkeit zum jüdischen Glauben, einer Kindheit während der großen Depression und Eltern, die in der Bekleidungsindustrie arbeiten einerseits und zwischen dem späteren beruflichen Erfolg als Anwalt andererseits. Die Antwort ist, dass man eine Menge darüber lernen kann, warum jemand so erfolgreich in seinem Beruf ist, wenn man diese Fragen stellt.

Das hört sich an, als ob Erfolg Schicksal ist. Trifft das wirklich zu?

Malcolm Gladwell: Nein, so weit würde ich nicht gehen. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir das Ausmaß der Faktoren, die Erfolg begünstigen, aber vom Individuum nicht zu beeinflussen sind, bei weitem unterschätzen. „Überflieger“ beginnt beispielsweise mit der Frage, warum eine überproportionale Menge von professionellen Hockeyspielern im Januar, Februar und März geboren ist. Ich will jetzt nicht schon alles verraten, aber der entscheidende Punkt ist, dass die allerbesten Hockeyspieler Menschen sind, die talentiert sind und hart trainieren, aber auch von den seltsamen und weitestgehend ungeprüften Mechanismen profitieren, in denen die Welt der Profi-Hockeyspieler organisiert ist. Ich habe übrigens eine Menge Spaß mit dem Spiel mit Geburtstagen in „Überflieger“. Wusstet Ihr, dass es ein magisches Geburtsjahr für Softwaremogule gibt? Und dass es ein anderes magisches Geburtsjahr für Leute gibt, die sehr reich sind? In der Tat gibt es ein Zeitfenster von 9 Jahren, das mehr Überflieger hervorgebracht hat als jede andere Periode in der Geschichte. Es ist bemerkenswert, wie viele Muster sich im Leben von sehr erfolgreichen Menschen finden lassen, wenn Du nur genau hinschaust.

Du sagst, dass Talent und Intelligenz bei weitem nicht so wichtig sind wie wir denken. Was brauchen wir dann wirklich, um erfolgreich zu sein?

Malcolm Gladwell: Talent und Intelligenz sind wichtig, keine Frage. Aber letztlich sind es auch Erfahrung und Übung, die eine sehr bedeutende Rolle spielen. Bill Gates’ Erfolg lässt sich auch darauf zurückführen, dass er das große Glück hatte, eine Schule zu besuchen, die ihm die Chance bot, unglaublich viel Zeit vor einem Computer zu verbringen. Tatsächlich hatte er bereits über 10.000 Stunden vor dem Computer verbracht, bevor er sein eigenes Softwareunternehmen gründete. Er wurde außerdem zu einer Zeit geboren, als diese Computererfahrung selten war, was ihn ziemlich einzigartig gemacht hat. Oder nimm die Beatles. Klar hatten die musikalisches Talent. Aber was die Beatles zu den Beatles gemacht hat, war die Einladung nach Hamburg, wo sie in einem Stripclub an sieben Tagen die Woche jede Nacht fünf Stunden gespielt haben. Diese frühe Chance viel zu üben, ließ letztlich ihren Erfolgsstern strahlen. Talentiert – absolut! Aber sie haben auch ganz einfach sehr viel mehr Stunden reingesteckt als andere Bands.

Malcolm, vielen Dank für das Interview.

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Eine Besprechung des Buchs „Überflieger“ finden Sie auf unserer Website „Die 99 besten Wirtschaftsbücher“

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