Jeremy Rifkin

Interview mit Jeremy Rifkin

Als „wandelnden Thinktank“ und „Gedankenblitz in Menschengestalt“ betitelte ihn der Fernsehsender 3sat. Wir haben uns mit dem amerikanischen Vordenker in Frankfurt getroffen, wo er uns als brillanter Analytiker beeindruckte.

Jeremy Rifkin wusste schon zu unserer ersten Frage so viel zu sagen, dass wir erst gar nicht dazu kamen, unsere restlichen Fragen zu stellen. Es war ein wirklich ungewöhnliches Interview mit EINER Frage und EINER langen Antwort. Gesprochen haben wir über sein neuestes Buch „Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein“. Wahnsinnig interessanter Lesestoff, aber – das sei an dieser Stelle auch angemerkt – die 468 Seiten sind keine ganz einfache Lektüre …

Mr. Rifkin, in Ihrem neuen Buch geht es um die empathische Zivilisation. Ein Blick in die Geschichtsbücher offenbart aber ein anderes Bild der Menschheit: Dort lesen wir vor allem von Kriegen, sozialen Unruhen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Wie passt das zusammen?

Jeremy Rifkin: In unserer Geschichte, so wie sie von den Historikern aufgeschrieben wird, geht es hauptsächlich um die Pathologie der Macht. Unsere Chronisten berichten von sozialen Unruhen und Kriegen, Ausbeutung und Kolonialisierung. Wenn man sich das so ansieht, denkt man: Oh Mann, die Menschen sind ziemlich bösartig. Aber wir hätten niemals überlebt und wären nicht dort, wo wir heute sind, wenn unsere Historiker damit ein akkurates Bild des Menschen gezeichnet hätten. Unsere Natur ist anders. Unser Umgang miteinander ist weitgehend getragen von wechselseitiger Empathie. Und zwar aus einem einfachen Grund: Es entspricht unserem eigentlichen Wesen.

Der Empathie als treibender Kraft hinter dem Lauf der Geschichte ist bislang nur wenig Beachtung geschenkt worden, weil sie nicht berichtenswert erscheint. Schlechte Nachrichten bekommen mehr Aufmerksamkeit. Hegel schreibt: ‚Die Weltgeschichte ist nicht der Boden des Glücks. Die Perioden des Glücks sind leere Blätter in ihr.‘ Geschichte wird nicht von den Glücklichen, sondern von den Unzufriedenen und Frustrierten gemacht. Von jenen, die an die Macht wollen.

Mein neues Buch ist aber nicht als akademische Übung über das Wesen der Empathie gedacht. Ich denke, dass wir an einem Wendepunkt der Menschheitsgeschichte stehen. Die nächsten drei bis vier Jahrzehnte sind von entscheidender Bedeutung. Ich weiß, das haben andere in der Vergangenheit auch schon gesagt. Aber lassen Sie mich begründen, warum ich das sage: Die derzeit 6,8 Milliarden Menschen auf der Erde repräsentieren nur ein halbes Prozent der Biomasse auf unserem Planeten. Aber wir verbrauchen 25 Prozent der durch Photosynthese bereitgestellten Energie. Und wir bewegen uns in Richtung 9 Milliarden Menschen. Wir sind zu Monstern geworden. Wir fressen die Energie und Ressourcen auf, die alle Lebewesen auf unserem Planeten zum Überleben so dringend benötigen. Das können wir uns nicht mehr länger leisten.

Wir müssen erkennen, dass das Industriezeitalter, das mit der räuberischeren Plünderung unseres Planeten verbunden war, beendet ist. Dazu gab es zwei Ereignisse mit Signalwirkung in den vergangenen 18 Monaten. Das erste war ein ökonomisches Erdbeben: Der Erdölpreis kletterte auf 147 Dollar je Fass. Die Preise schossen in die Höhe, Lebensmittel und Treibstoff wurde unerschwinglich, wir hatten Hungerrevolten in 30 Staaten, die Kaufkraft stürzte ab. Der gesamte Wirtschaftsmotor, der auf fossilen Brennstoffen basiert, schaltete sich ab. Der Kollaps der Finanzmärkte 60 Tage später war bloß das Nachbeben. Das zweite einschneidende Ereignis war das Scheitern des Klimagipfels von Kopenhagen. Es stellt sich die Frage: Warum waren unsere politischen Führer nicht in der Lage, dort eine Antwort auf eine der dringendsten Probleme dieses Jahrhunderts zu finden? Das Problem ist ihr Denken, das immer noch in dem Menschenbild des 18. Jahrhunderts verharrt. Sie glauben noch immer an den autonomen, rational gesteuerten Menschen, der seinen eigenen Vorteil sucht, nur an materiellem Wohlstand interessiert ist und mehr danach strebt, Schmerz zu vermeiden als Freude zu gewinnen. Wenn das wahr ist, dann sind wir zum Untergang verurteilt. Menschen, die so ticken, finden keinen Weg, um unsere Erde vor dem drohenden Umweltkollaps zu retten. Ich glaube aber nicht, dass das wahr ist.

Mein Buch greift neue wissenschaftliche Erkenntnisse auf, die zeigen, dass dieses Menschenbild überholt ist. Es zeigt, dass es in der Natur des Menschen liegt, Empathie zu empfinden. Diese Entdeckung ist bahnbrechend. Das bedeutet, dass wir damit auch ein neues Bewusstsein entwickeln können, das auf soziale Zusammengehörigkeit und einen umfassenden Begriff der Lebensqualität abstellt. Wichtigste Grundlage dafür ist eine neue, verständnisvolle Pädagogik, ein neues globales Bewusstsein und – das gilt insbesondere für mein Land, die USA – eine Neudefinition des American Dream. Wenn das gelingt, haben wir eine echte Chance, den Klimakollaps zu stoppen.

Vielen Dank, Mr. Rifkin.

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Und nun noch als kleiner Service für Sie: Die Kurzzusammenfassung von Rifkins Buch „Die empathische Zivilisation“

Rifkin entwirft in dieser Zivilisationsgeschichte ein grundlegend neues Menschenbild. Seine These: Empathie war seit jeher prägend für das Schicksal der Zivilisation und sie wird für unsere Zukunft entscheidend sein. Neue Erkenntnisse von Biologen und Hirnforschern zeigen: Kooperation siegt über Konkurrenz. Das klingt ja zunächst mal sehr gut. Aber Rifkin hat auch gleich noch eine schlechte Nachricht im Gepäck: Die Evolution der Empathie ging einher mit der immer räuberischeren Plünderung unseres Planeten. Die entscheidende Frage, mit der sich die Menschheit jetzt konfrontiert sieht, lautet: Können wir globale Empathie rechtzeitig erreichen, um den Zusammenbruch der Zivilisation abzuwenden?
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Wikipedia über Jeremy Rifkin
Seine Bücher (Auswahl)
– Die empathische Zivilisation: Wege zu einem globalen Bewusstsein
– Die dritte industrielle Revolution: Die Zukunft der Wirtschaft nach dem Atomzeitalter
Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft

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