Gunter Dueck

Interview mit Gunter Dueck

„Ein Hoch auf die Rebellen, Unruhestifter und Querköpfe – auf die Menschen, die die Dinge anders sehen…“ – heißt es in der legendären Think-Different-Kampagne von Apple. Die müssen damit auch Gunter Dueck gemeint haben – und das, obwohl er nicht für die Firma aus Cupertino arbeitet, sondern für IBM. Sein Job: Als Chief Technologist neue Ideen zu entwerfen, Innovation voranzutreiben und als technologisches Gewissen der Firma zu agieren. Und obendrein: Als Querdenker und ‚Wild Duck‘ den täglichen Wahnsinn in der Arbeitswelt polarisierend und satirisch auf den Punkt zu bringen. Letzteres macht er vor allem in seinen Büchern, Vorträgen und Kolumnen. Wir haben uns mit dem umtriebigen Vor- und Querdenker in Münster getroffen.

Herr Professor Dueck, bei IBM tragen Sie den Spitznamen „Wild Duck“, was sinngemäß „Querdenker“ bedeutet. Sie haben einmal gesagt, dass die IBM sich gut fühlt, wenn sie eine Anzahl Querköpfe und Andersdenkende aushält. Das spricht für das Unternehmen – ist aber nach unserer Erfahrung eher die Ausnahme als die Regel. Oder?

Gunter Dueck: Thomas Watson hat das mal so gesagt: „IBM does not mind to have a few wild ducks around.“ Die Legende will wissen, dass der Stab von IBM vor Schreck diese Aussage etwas abmilderte: „IBM does not mind to have a few wild ducks around as long as they fly in formation.“ Ich habe mich selbst an das eine immer ein bisschen geklammert und das andere respektiert und nie aus den Augen verloren. Dann geht es! IBM toleriert alles, was unbefangen vernünftig ausschaut, dabei weiß, was es will und dann auch fest zu sich selbst steht. Ich könnte mir vorstellen, dass es überall anderswo auch so funktioniert. Ich vermute aber, dass es mehr mutige Mitarbeiter bei IBM gibt. Gerade unter Ingenieuren und Informatikern gibt es viele, die wie Luther Thesen an Wände nageln. Und ich stehe immer dabei und warne: Mut braucht man dazu! Ja! Aber die Thesen müssen auch gut und schluckbar sein. Beides zusammen ist nicht so einfach, in der Sache nicht – und auch nicht in einer Person.

In vielen Unternehmen gilt immer noch das Prinzip: Menschen mit unkonventionellen Ansichten finden umso schwerer Gehör, je weiter unten sie in der Hierarchie angesiedelt sind oder je mehr ihre Ideen gegen die herkömmlichen Vorstellungen verstoßen.

Gunter Dueck: Glaube ich nicht! Ich selbst höre ein paar Mal pro Monat: „Ja, du kannst das Maul aufreißen, du bist ganz oben!“ (ich bin IBM Distinguished Engineer). Und ich sage jedes Mal dagegen: „Ich bin in den ersten zehn IBM Jahren sieben Mal befördert worden, WEIL ich das Maul aufriss!“ Das stimmt wohl, überzeugt andere aber nicht. Mitarbeitervorschläge von unten werden sehr oft abgebürstet, weil sie zu politisch unbeholfen sind, Gesamtzusammenhänge übersehen und die Zwänge des Chefs ignorieren. Viele neue Ideen enthalten zudem eine versteckte Anklage, dass das Management nicht „richtig tickt“.

Wie lässt sich eine Organisation schaffen, in der es einen freien Meinungsmarkt gibt und in der neue Ideen aufgrund ihres Wertes beurteilt werden? Ist eine solche Ideendemokratie Utopie oder tatsächlich machbar?

Gunter Dueck: Wir brauchen eigentlich mehr als eine Ideendemokratie! Wir müssen lernen, wie man Ideen oder Innovationen kommunikatorisch verbreitet, wie man sie politisch durchsetzt, wie man dem Gesamtunternehmen hilft. Ideen setzen sich ja nicht durch, nur weil sie jeder laut rausposaunen kann. Das darf bei IBM jeder. Gerne! Sehr gerne! Über diesen Punkt sind wir längst hinweg. Aber: „An idea is just an invention, not an innovation.“ Man muss Ideen wie Memes aufbereiten, damit sie in Köpfe wandern und dort wandeln. Bei IBM gibt es alle zwei Jahre einen „Jam“, dass ist eine Intranet-Veranstaltung, bei der alle Mitarbeiter, IBM-Kunden und deren Familien Ideen abgeben und diskutieren können und sollen. Über drei Tage treffen sich da bis hin zu 100.000 Leute! Wir haben auch Foren, in denen Ideen eingegeben werden können – man muss dann einflussreichere und mehrere Leute finden, die die Idee positiv rezensieren. Das wertet die Idee im System auf und sie bekommt Chancen.

Das hört sich doch schon mal klasse an…

Gunter Dueck: Ja, aber ich selbst finde das für meine Ideen zu langsam, ich versuche, kleine Teams zu finden, die an der Umsetzung einer Idee schon mal arbeiten und dann einen Prototyp bauen. Diesen Prototyp zeigen wir nach und nach Außenstehenden, die daran etwas aussetzen. Das Kritisierte wird ohne Einwände möglichst „weggemacht“. Wenn die Klagen nachlassen und nur noch Begeisterung da ist: Dann richtig raus!

Gibt es aus Ihrer Sicht konkrete Maßnahmen zur Umsetzung einer Ideendemokratie?

Gunter Dueck: Was Sie meinen, ist aus meiner Sicht „a culture, not a department“. Eine Kultur wird nicht konkret durch Maßnahmen erzeugt, sondern durch lebende Menschenvorbilder. Deshalb bin jetzt ein bisschen grimmig über Ihre Fragestellung. Sehen Sie, einfach nur Boris Becker und Steffi Graf erzeugen eine Tenniskultur, die nach ihnen wieder zugrunde geht. Ohne Dichter keine Literatur! Ohne maßgebende Menschen keine Philosophie! Die Manager wollen immer nur vorzeigbare Ideen, Goldmedaillen oder Projekte. Kulturelle Errungenschaften kommen aber durch Rollenvorbilder.

Das wollen Manager nicht hören, weil sie damit meist nichts anfangen können (pauschal platt neurologisch: Organisation ist „linkshirnig“, Kultur ist „rechtshirnig“). Man braucht keinen Managementansatz, sondern einen der Kultur. Mit Managementmethoden lassen sich viele Probleme lösen, aber nicht die kulturellen. Das glaubt keiner, deshalb läuft so viel falsch.

IBM bietet Mitarbeitern viele Freiheiten: In den Büros gilt das Prinzip des Desksharing und Mitarbeiter müssen nicht jeden Tag ins Büro kommen. Jeder kann von überall aus arbeiten: vom Kunden, vom Flughafen, im Zug oder von zu Hause. Es gilt Arbeitszeitsouveränität und Mitarbeiter werden nach Zielen geführt. Projektteams arbeiten selbst organisierend. Diese Maßnahmen sind allesamt intelligent und fortschrittlich.

Sind diese Maßnahmen der Weisheit letzter Schluss, um die volle Kreativität der Mitarbeiter auszuschöpfen und sie in neue, nützliche Anwendungen zu übersetzen – oder müssen wir in der betrieblichen Praxis noch viel weiter gehen?

Gunter Dueck: Als vor 15 oder 18 Jahren die Stechuhren bei IBM abgeschafft wurden, war den HR-Leuten ganz schlecht. Sie wussten nicht, ob sie uns vertrauen könnten. Jetzt wissen sie es: wir arbeiten viel mehr und besser. Das Arbeiten „irgendwo“ ging und geht ganz gut. Es zeigt sich ein schleichendes Problem: Ich selbst kenne ja irre viele Leute und komme mit dem Virtuellen klar. Aber wenn nun jemand neu in die IBM kommt und kein Netzwerk hat? Kann man gut arbeiten, wenn alle anderen dauerhaft persönlich unbekannt sind? Ich kann das nicht. Können es die Neuen?

Es geht nicht nur um das Netzwerk, es geht vor allem um Vertrauen. Respektieren andere meine Ziele, wenn es einen Konflikt gibt – „der andere oder ich“? Unter Freunden geht das, aber bei reinen Telefonbekanntschaften ist es schwierig. Die letzte Weisheit ist noch nicht gefunden, denke ich. Das virtuelle Arbeiten muss ja auch ohne die Anfangsvorteile schon bestehender persönlicher Netzwerke und schon erworbenen face-to-face-Vertrauens funktionieren. Oder ändern sich die Menschen? Bin ich alt und altmodisch?

Nun, das wollen wir nicht bewerten :-) … und lieber eine Frage stellen, die wir in allen Interviews stellen – dieses Mal aber auch mit einer gehörigen Portion Eigeninteresse: Sie leben in der Nähe von Heidelberg. Haben Sie einen Lieblingsplatz in Heidelberg oder Umgebung?

Gunter Dueck: Faktisch schreibe ich viel, also ist der reale Lieblingsplatz vor dem Laptop – außerdem bin ich ein Mensch, der wie Buddha wochenlang unterm Baum sitzen und nachdenken kann. So vergesse ich mich auch mal eine Stunde im Keller oder sitze auf der Badewannenkante. Das können aber nur Introvertierte verstehen?! Also, damit ich Sie nicht mit Unverständlichem wie „das Reale ist innen“ nerve: Ich liebe den Philosophenweg, am besten im April bei Blüten und grünen Knospen und noch blätterfreiem Schlossblick.

Ich bin gerne in Ladenburg oder Speyer. Und ich sehne mich nach meinem guten alten Büro im schon lange geschlossenen IBM Wissenschaftszentrum am Neckar in Heidelberg zurück, wo ich eine ganze Fensterfront hinunter zum Neckar blicken konnte, der nur so 20 Meter Luftlinie entfernt war. Da fließen die Ideen mit dem Strom unten … die Möwen ziehen vorbei … und ich bin kreativ.

Haben Sie ein Motto, das Sie und Ihre Lebenseinstellung beschreibt?

Gunter Dueck: Es gab mal eine Danone-Werbung, bei der ein genüsslich Joghurt löffelndes Mädchen (Tochter des Produktionschefs oder so) sagte: „Früher oder später kriegen wir euch alle.“ Dieses Lächeln des Mädchens mit der festen Aussage habe ich mir geistig übers Bett gehängt – ich habe hohe Ziele, bleibe immer beharrlich dran und freue mich, wie es klappt – ich weiß, dass es klappt, früher oder später. Die Freude ist im Werden.

Vielen Dank für dieses Gespräch!

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Website: Gunter Dueck
Aktuelle Bücher:
– Schwarmdumm: So blöd sind wir nur gemeinsam
Das Neue und seine Feinde: Wie Ideen verhindert werden und wie sie sich trotzdem durchsetzen
– Professionelle Intelligenz: Worauf es morgen ankommt
– Aufbrechen: Warum wir eine Exzellenzgesellschaft werden müssen

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