Der Kreosotbusch: Wie Erfolg zur Monokultur werden kann

kreosotbusch
Phoenix liegt im Südwesten der USA, im Valley of the Sun, mitten in der Sonora-Wüste. Als wir noch dort gelebt haben, gab es gleich hinter unserem Apartment in Blickrichtung Camelback Mountain ein Stück Brachland, auf dem sich eine Pflanzensorte ausgebreitet hatte, die wir vorher noch nie gesehen hatten: Kreosotbüsche.

Eine Pflanze, die das Wüstenklima liebt und deshalb im Südwesten der USA sehr verbreitet ist. Was den Kreosotbusch in einem so unwirtlichen Umfeld überleben lässt, ist ein cleverer Trick: Seine Wurzeln sondern eine giftige Substanz ab, die es anderen Pflanzen unmöglich macht, in der Nähe zu wachsen. Und weil niemand sie verdrängt, können diese Büsche bis zu 12.000 Jahre alt werden.

Der Kreosotbusch ist nicht nur eine sehr langlebige und widerstandsfähige Pflanze, sondern auch ein hoch interessantes Studienobjekt. Nicht nur für die Botanik, sondern auch für die Wirtschaft. Denn er ist wie ein Unternehmen, das in die Erfolgsfalle tappt. Perfekt angepasst ans Habitat – also an die Marktbedingungen. Mögliche Konkurrenten oder Schädlinge werden mit Hilfe eines ausgeklügelten Systems auf Abstand gehalten. Das ganze System funktioniert perfekt – wenn sich die Bedingungen niemals ändern. Aber sollten sich die Bedingungen auch nur ein leicht ändern, dann folgen die Probleme auf dem Fuß und er wird verdrängt. Und da hilft leider auch der überragende Erfolg von vorher nichts mehr.

In der Wirtschaft sieht diese Anpassung so aus: Man hat eine Marktnische gefunden, ist darin groß und erfolgreich geworden – und langsam. Offen bleiben für Veränderung? Mut zu neuen Wegen? Fehlanzeige!

Langsam wird das alles dominierende Ziel nicht mehr, neue Märkte zu erschließen, sondern bestehende auszuschöpfen und sich gegen die Bedrohung durch andere Marktteilnehmer zu wappnen. Aus der offensiven Eroberungshaltung ist eine defensive Verteidigungshaltung geworden.

Klar, man will legitimerweise irgendwann auch mal die Früchte der ganzen Aufbauarbeit ernten. Aber eine entscheidende Frage bleibt dabei oft auf der Strecke: Wie werden wir morgen erfolgreich sein?

Aspekte wie „Effizienz“, „Produktivität“ und „Kontrolle“ treten in den Vordergrund und vergiften den Boden für alles, was dieses Ziel gefährdet. Und langsam aber sicher tötet dieses Gift alle frischen Ideen, alle Kreativität und allen unternehmerischen Mut, der nötig wäre, um neue Märkte zu erschließen. Je erfolgreicher ein Unternehmen, desto stärker werden seine Beharrungskräfte. In den unberechenbaren Märkten von heute ist diese Sorte Erfolg der sicherste Weg in den Crash. Früher oder später.

Das gilt auch für einzelne Menschen: Wer sein Berufsleben streng auf seine Erfolgsmuster aufbaut und diese stets wiederholt, wird immer routinierter, keine Frage. Doch gerade diese Routinen verhindern das Neue. Ein Musiker, der jedes neue Album im Stil seiner erfolgreichsten Songs arrangiert, hält damit womöglich kurzfristig die Verkäufe stabil, aber bereitet schon seinen langfristigen Abstieg vor. Die größten Künstler, die über lange Zeiträume aktiv waren, haben es immer geschafft, sich einerseits treu zu bleiben, sich aber andererseits immer wieder neu zu erfinden. Dazu braucht es aber den Mut, dem Erfolg den Rücken zu kehren, wenn er am größten ist.

Der französische Lyriker und Philosoph Paul Valéry hat es auf den Punkt gebracht: „Was dir am besten gelingt, wird unweigerlich zur Falle.“

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