Der Lebenslauf der Fehlschläge

Der Lebenslauf der Niederlagen - CV of Failures - von Johannes Haushofer

Wenn Sie einen Lebenslauf schreiben, um einen Job zu bekommen: Was schreiben Sie rein? Ihre Erfolge oder Ihre Misserfolge? Die Jobs, die Sie bekommen haben, oder die Jobs, für die Sie Absagen kassiert haben? Die guten Zeugnisse und Lobreden oder die Beschwerden und den Tadel?

Was für einen Frage! Als wir in den USA studiert haben, war das Schreiben und Optimieren des eigenen Lebenslaufs ganz normaler Bestandteil des Curriculums – ebenso wie die Fähigkeit, im Bewerbungsgespräch möglichst vorteilhaft aufzutreten. Und das ist ja auch logisch, weil Unis danach bewertet werden, wie viele ihrer Studenten in welcher Zeit Jobs finden und was sie dann verdienen. Das heißt: Die Unis haben ein vitales Interesse daran, dass die Abgänger Karriere machen – und dafür werden sie trainiert.

Auch in Europa leben wir in einer Hochglanzwirtschaft, in der es keine gute Idee ist, allzu bescheiden aufzutreten. Ganz im Gegenteil: Schlappen werden clever in Siege umgedeutet und Misserfolge werden routinemäßig in Triumphe verwandelt. Macht jeder. Völlig legitim.

Umso kurioser ist das, was Johannes Haushofer gemacht hat.

Zunächst einmal: Der Mann ist ein Überflieger. 36 Jahre alt, Psychologe, Ökonom und seit zwei Jahren Professor an der Elite-Uni Princeton. Sein Abitur hat er in Hof gemacht. Für den Bachelor ging er nach Oxford, promovierte erst in Harvard, dann ein zweites Mal in Zürich. Danach arbeitete er am angesehenen Massachusetts Institute of Technology.

Oxford, Harvard, Zürich, MIT, Princeton – Wahnsinn! Viele Akademiker wären froh, auch nur eine einzige dieser Universitäten im Lebenslauf stehen zu haben – Haushofer hat sie alle.

Wenn also jemand eine Erfolgsstory erzählen könnte, dann er. Doch Haushofer veröffentlichte im Internet seinen „CV of Failures“seinen Lebenslauf der Fehlschläge!

Darin zählt er alle Ablehnungen auf, die er in seiner Karriere kassierte, alle Positionen, die er nicht erhielt, alle Auszeichnungen, die er nicht bekam, alle Veröffentlichungen, die abgelehnt wurden und alle Forschungsvorhaben, die nicht finanziert wurden. Und die Liste ist lang.

Wir wissen nicht, wie viele Menschen bereit wären, wie Johannes Haushofer die eigenen Niederlagen und verpassten Gelegenheiten nicht nur aufzulisten, sondern auch noch zu veröffentlichen.

Was wir aber wissen, ist, dass viele eine viel zu simpel gestrickte Vorstellung davon haben, wie Erfolge entstehen. Erfolg ist nämlich kein ununterbrochener Aufstieg auf der Erfolgsleiter – ganz im Gegenteil! Diese Vorstellung ist genau das, was dem tatsächlichen Erfolg oftmals am meisten im Weg steht.

Denn wer diese Schlappen und Rückschläge konsequent ignoriert, läuft Gefahr, eine verzerrte Wahrnehmung darüber zu entwickeln, wie Erfolg wirklich funktioniert. „Aufgrund dieser weit verbreiteten Haltung“, so Haushofer, „erscheinen viele Karrieren als eine ununterbrochene Aneinanderreihung von Erfolgen. Misslingt dann etwas auf diesem strahlenden Erfolgspfad, fühlen wir uns allein und entmutigt.“

Haushofers Kritik hat eine große Dosis an gesundem Menschenverstand und ist erfrischend ehrlich. In einer hyperkompetitiven Welt voller Erfolgsdruck, in der persönliche wie auch die unternehmerische Weiterentwicklung zwingend damit verknüpft ist, Risiken einzugehen und Wetten mit unbestimmten Ausgang auf die Zukunft abzuschließen, sind Rückschläge unvermeidlich. Sich ihnen zu stellen und zu ihnen zu stehen, ist einfach nur gesund.

Vielleicht sind wir sogar bereits in einem Zeitalter angekommen, in dem nichts so erfolgreich ist wie der Misserfolg – insbesondere wenn wir ehrlich und konstruktiv damit umgehen. Das korrespondiert auch mit dem letzten Punkt in der Liste der Rückschläge in Johannes Haushofers Liste. Er nennt es seinen Meta-Fehlschlag: “This darn CV of Failures has received way more attention than my entire body of academic work.”

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