Campbell Soup Company: Die Chance des nervigen Augenblicks

Touchpoints

Das Telefon klingelt. Eine Kundenanfrage. Fünf Minuten später platzt der Marketingchef herein. Eine dringende Entscheidung, die mit Ihnen abgestimmt werden muss. Als Sie sich dann genervt einen Kaffee holen, um sich für die nächsten drei Stunden gut gewappnet hinter zwei Aktenbergen zu verschanzen, erwischt Sie prompt der neue Mitarbeiter auf dem Gang, der freudig-gespannt Ihre Meinung zu seiner Projektskizze hören will. Und so geht es weiter, den ganzen lieben langen Tag. Begegnungen, Gespräche, Unterbrechungen, Gespräche, Begegnungen, Unterbrechungen, Gespräche, Unterbrechungen. Wann bitteschön sollen Sie endlich Ihre Arbeit machen?

Sicher, jede Führungskraft, die schon mal ein Zeitmanagement-Seminar belegt hat, weiß, was sie in solchen Fällen zu tun hat: Alles, was von der Arbeit abhält, reduzieren. Unvermeidliche Gespräche, die nicht gestrichen werden können, en bloc abhalten. Störungsquellen eliminieren. Diese Arbeitsweise wird überall praktiziert – von L.A. über London bis nach Luanda. Also muss sie auch die einzig richtige sein. Oder?

Der Chef der Campbell Soup Company, Douglas R. Conant, ist vom Gegenteil überzeugt. In seinem Buch „Touchpoints“ vertritt er die These: All diese Unterbrechungen und Interaktionen, die uns im Joballtag plagen, sind unsere eigentliche Arbeit.

Wenn Conant morgens ins Büro kommt, tauscht er seine schwarzen Lederschuhe gegen Turnschuhe aus und läuft los. Jede freie Minute, die er zwischen zwei Meetings hat, nutzt er, um mit seinen Mitarbeitern in Kontakt zu kommen. Auf dem Gang, am Kopierer, auf dem Weg zum Kaffeeautomaten. Denn in zehn Jahren als Unternehmenschef hat Conant festgestellt: Diese kurzen Begegnungen sind die beste Möglichkeit, die eigenen Werte vorzuleben und die eigene Sicht der Dinge, die Unternehmensphilosophie und -strategie unvermittelt unter die Menschen zu bringen.

Also hat er die Interaktionen in seinem Arbeitsalltag vom Störfaktor zur bewussten Führungsmethode erhoben: „I’m using these touchpoints to really touch people,“ sagt der langjährige Chef des erfolgreichen Suppenherstellers. Und weil er die Sache wirklich ernst nimmt, lässt er sie nicht einfach unkontrolliert laufen. Conant liest seine tägliche „Gesprächsleistung“ an einem Pedometer am Schuh ab, der ihm die zurückgelegten Kilometer anzeigt.

Das ist doch interessant … Als wir versucht haben, diesen Perspektivenwechsel umzusetzen, war Peters Urteil schon nach wenigen Stunden: Immer wieder unterbrochen zu werden, ist der absolute Horror. Conants Idee ist nett, aber nicht realistisch machbar ohne therapeutischen Backup. Anja wiederum hat es zwei Tage lang ausgehalten und hält die Sache immer noch für eine kluge Anregung, die die meisten zumindest partiell in den Arbeitsalltag integrieren könnten.

Wir beide finden: Gerade für viele Chefs kann eine solche Haltungsänderung erlösend wirken. Und für diejenigen, bei denen der ständige Kontakt zu anderen Menschen schlicht zum Job dazugehört, kann die neue Offenheit die Beziehungen stärken.

Unsere Empfehlung: Machen Sie ein Experiment und finden selbst heraus, ob die Methode zu Ihnen passt! Versuchen Sie eine Zeit lang, nicht jede Unterbrechung mit grimmigem Gesicht auszumerzen, sondern freuen Sie sich bewusst über diese Touchpoints, um Menschen in eine Richtung zu bewegen, die Ihnen wichtig ist. Wer weiß, vielleicht bringt das einen Durchbruch. Und wenn nicht, dann wissen Sie, dass Sie anders ticken als Doug Conant…

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