Bescheidene Riesen

Bescheidenheit

Wir wählen die Nummer des Unternehmenschefs, der uns für einen Vortrag gebucht hat, um mit ihm ein Briefing-Gespräch zu führen. Die Frage, die wir in dem Gespräch klären wollen: Wie tickt das Unternehmen? Was ist das Besondere an der Firmenkultur? Und wie können wir das mit unserem Vortrag unterstützen?

Bei vielen anderen Gelegenheiten hören wir dann: Das Unternehmen sei Marktführer. Mit Wachstumsraten, von denen andere nicht einmal zu träumen wagen. Man habe eine Innovationsquote, die den Branchendurchschnitt quasi stehen lasse. Und man habe in allen Bereichen nur State-of-the-Art-Technologie im Einsatz. Kurz gesagt: Das Unternehmen ist unglaublich exzellent-großartig-einzigartig aufgestellt, es sind einfach die Besten. Schon klar!

Aber all das wissen wir schon von der Unternehmenshomepage. Und die weitere Recherche zeigt: Das Unternehmen, mit dem wir es zu tun haben, ist wohl wirklich sehr erfolgreich in seinem Markt unterwegs und zudem sehr innovativ und agil. Unsere Befürchtung: Wie schon so oft wird es am Telefon eine Hochglanzpräsentation geben.

Wir haben den Vorstand in der Leitung. Und es ist anders. Ganz anders. In einem ruhigen Ton sagt er: „Lassen Sie uns nicht über unser Unternehmen reden. Wir können so manches, aber vor allem können wir eines: gut zuhören. Und wir sind bescheiden. Und darum interessiert mich eigentlich viel mehr, was Sie uns für das Event vorschlagen.“

Wir sind baff. Wie stark ist das denn? „Wir sind bescheiden.“, „Wir können gut zuhören.“ – Welches Unternehmen hatte zuletzt so etwas gesagt?

Für die meisten klingt „Bescheidenheit“ wie eine Limitierung. So als hätte es den Touch von Misserfolg. Hier aber sagt es jemand mit Stolz. Uns fällt dazu ein Vortrag von John Dickson ein. Dickson ist ein Pastor, den wir bei einer Leadership-Konferenz in Chicago erlebt haben. Wir kramen unsere Vortragsmitschriften heraus und finden darunter folgende Punkte:

1. Humility is beautiful.
Wir fühlen uns stärker von den Großen und Bescheidenen angezogen als von den Großen, die sich ihrer Wichtigkeit bewusst sind und das alle Welt unbedingt wissen lassen wollen.

2. Humility is common sense.
Keiner von uns ist ein Experte in allen Dingen. Das Wissen, über das wir nicht verfügen, ist weit größer als das Wissen, über das wir verfügen. Sobald wir anfangen, diese Grenzen wahrzunehmen, werden wir automatisch bescheiden.

3. Humility is generative.
Bescheidenheit führt zu neuen Ideen. Echte Entdeckungen in Wissenschaft und Wirtschaft sind nur möglich, wenn die Menschen, die sie ausführen, mit Bescheidenheit herangehen. Bescheidenheit – nicht Hybris – ist der Nährboden für schöpferisch Neues.

4. Humility is inspiring.
Bei Menschen, die distanziert sind, verspüren wir nicht den Drang, in ihre Fußstapfen zu treten. Einfach, weil sie so weit weg von uns sind. Wenn jemand aber bescheiden und offen ist, folgen wir diesem Menschen viel leichter. Wir haben das Gefühl, wir könnten auch so werden wir er oder sie. Ganz einfach weil sie menschlich sind. Interessanterweise hatten die inspirierendsten Führungspersönlichkeiten der Geschichte keine oder kaum formelle Autorität, also Amtsgewalt.

Bescheidenheit und Autorität gehen Hand in Hand. Genauso wie Stärke und Bescheidenheit, Marktführerschaft und die Fähigkeit zuzuhören.

Bescheidenheit schließt vor allem ein selbstbewusstes Auftreten nicht aus. Bescheidene Menschen ducken sich nicht, sondern sind stolz auf ihre Leistung und nehmen trotzdem eine aufmerksame und achtsame Haltung gegenüber ihren Gesprächspartnern ein.

Eine Kultur der Bescheidenheit ist nicht eine Kultur des Sich-Klein-Machens, sondern eine Kultur echter menschlicher Größe.

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